Ein Studium nach der Ausbildung, ein Meisterabschluss oder ein nachgeholter höherer Schulabschluss: Zusätzliche Bildungsabschlüsse können die beruflichen Chancen deutlich verbessern.
Zu diesem Ergebnis kommt ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Forschungsprojekt der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Das Team um Prof. Dr. Steffen Schindler hat untersucht, welche Auswirkungen sogenannte Höherqualifizierungen auf Einkommen und beruflichen Erfolg haben. Im Mittelpunkt stand dabei eine zentrale Frage: Können Menschen aus weniger privilegierten Familien durch spätere Bildungsabschlüsse Nachteile ihrer sozialen Herkunft ausgleichen? Die Antwort fällt differenziert aus. Wer nach dem ersten Bildungsabschluss noch eine weitere Qualifikation erwirbt, kann seine persönlichen Karriere- und Einkommenschancen verbessern. Die Unterschiede zwischen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Herkunftsgruppen werden dadurch allerdings nur in geringem Maß kleiner. Damit unterscheiden die Forschenden zwischen zwei Entwicklungen, die auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, tatsächlich aber nicht dasselbe bedeuten: individueller Aufstieg und gesellschaftliche Chancengleichheit.
Zusätzliche Abschlüsse lohnen sich
„Unsere Ergebnisse zeigen: Zusätzliche Bildungsabschlüsse lohnen sich“, erklärt Steffen Schindler. Menschen, die einen höheren Abschluss nachholen, verbesserten häufig ihre beruflichen Möglichkeiten und erzielten im Durchschnitt auch höhere Einkommen. Dieser persönliche Vorteil bedeutet jedoch nicht automatisch, dass dadurch bestehende soziale Unterschiede verschwinden. Entscheidend ist, aus welchem familiären Umfeld Menschen stammen und welche Bildungschancen ihnen bereits früh offenstanden. Profitieren Menschen aus privilegierten und weniger privilegierten Familien in ähnlichem Umfang von einer späteren Höherqualifizierung, bleibt der Abstand zwischen den Gruppen bestehen. Das gilt sowohl für das Einkommen als auch für den beruflichen Status. Damit zeigt die Untersuchung eine wichtige Grenze späterer Bildungsentscheidungen auf. Ein zusätzlicher Abschluss kann für den Einzelnen einen deutlichen Unterschied machen, verändert aber nicht zwangsläufig die gesellschaftliche Verteilung von Chancen.
Bildungswege beginnen nicht erst im Berufsleben
Für das Forschungsprojekt ‚Die Rolle von Höherqualifizierungen bei der Formierung sozialer Ungleichheit‘ wertete das Forschungsteam umfangreiche Daten zu Bildungs- und Erwerbsverläufen aus. Grundlage waren Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Dieses dokumentiert Bildungs- und Berufswege über einen längeren Zeitraum. So konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachvollziehen, wie sich unterschiedliche Bildungsentscheidungen auf den weiteren Lebenslauf auswirken. Für die Untersuchung der Lohnentwicklung wurden die Informationen zusätzlich mit Sozialversicherungsdaten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verknüpft. Dadurch konnten die Forschenden Bildungswege und Einkommensentwicklungen gemeinsam betrachten. Sie konnten also untersuchen, welche Bedeutung Bildungsabschlüsse für den späteren beruflichen Erfolg haben und wie sich diese Zusammenhänge zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft unterscheiden.
Früh erworbene Bildungsabschlüsse haben besonders großen Einfluss
Eine zentrale Erkenntnis der Untersuchung: Die entscheidenden Unterschiede entstehen häufig bereits früh im Bildungsweg. Vor allem der Abschluss, mit dem Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten, spielt eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung. Unterschiede, die zu diesem Zeitpunkt bestehen, können sich über viele Jahre des Berufslebens hinweg fortsetzen. Später erworbene Bildungsabschlüsse verändern zwar die individuelle Situation. Sie können beispielsweise dazu beitragen, beruflich aufzusteigen oder ein höheres Einkommen zu erzielen. Auf die Unterschiede zwischen sozialen Herkunftsgruppen wirken sie jedoch deutlich schwächer. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Voraussetzungen für spätere Bildungs- und Berufschancen bereits früh im Lebenslauf geschaffen werden. Das bedeutet auch: Wer erst im Erwachsenenalter einen höheren Abschluss erwirbt, kann dadurch persönliche Nachteile teilweise ausgleichen. Die grundlegenden Unterschiede zwischen sozialen Gruppen lassen sich damit aber nur begrenzt überwinden.
Individueller Aufstieg ist nicht automatisch mehr Chancengleichheit
Die Ergebnisse machen einen wichtigen Unterschied deutlich. Wenn eine Person durch eine zusätzliche Qualifikation beruflich aufsteigt, ist das zunächst ein Erfolg auf individueller Ebene. Für die Gesellschaft stellt sich jedoch eine andere Frage: Werden dadurch auch die Unterschiede zwischen Menschen verschiedener sozialer Herkunft kleiner? Nach den Ergebnissen des Bamberger Forschungsprojekts ist das nur eingeschränkt der Fall. Wenn Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen gleichermaßen von Höherqualifizierungen profitieren, verbessert sich zwar die Situation der Einzelnen. Der relative Abstand zwischen den Gruppen bleibt jedoch weitgehend erhalten. Genau hier liegt der Unterschied zwischen individuellem Bildungserfolg und gesellschaftlicher Chancengleichheit. Ein Bildungssystem kann zusätzliche Wege für Erwachsene eröffnen und damit Aufstiegsmöglichkeiten schaffen. Gleichzeitig können Unterschiede, die bereits während der Kindheit und Jugend entstanden sind, langfristig bestehen bleiben.
Lebenslanges Lernen bleibt wichtig
Trotz dieser Einschränkung stellen die Forschenden den Wert von Höherqualifizierung nicht infrage. Im Gegenteil: Lebenslanges Lernen bleibt ein wichtiger Bestandteil von Bildung und beruflicher Entwicklung. „Lebenslanges Lernen bleibt wichtig – für den Einzelnen ebenso wie für Unternehmen und Gesellschaft“, sagt Steffen Schindler. Zusätzliche Bildungsabschlüsse können Menschen neue berufliche Möglichkeiten eröffnen. Sie können dazu beitragen, vorhandene Fähigkeiten weiterzuentwickeln und die eigene Position auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Die Studie zeigt allerdings auch, dass Weiterbildung und spätere Bildungsentscheidungen nicht die einzige Antwort auf soziale Ungleichheit sein können. Wenn gesellschaftliche Unterschiede tatsächlich verringert werden sollen, müssen entsprechende Maßnahmen früher ansetzen.
Bildungschancen müssen früh möglichst unabhängig von der Herkunft sein
Aus Sicht der Forschenden liegt ein wichtiger Ansatzpunkt deshalb bei den frühen Bildungswegen. Junge Menschen sollten möglichst unabhängig davon, aus welcher Familie sie stammen, vergleichbare Möglichkeiten erhalten, höhere Bildungsabschlüsse zu erreichen. Denn wenn der Bildungsabschluss beim Eintritt in den Arbeitsmarkt bereits stark von der sozialen Herkunft geprägt ist, können sich diese Unterschiede später weiter auswirken. Spätere Höherqualifizierungen können dann zwar individuelle Chancen verbessern. Sie setzen aber häufig auf einem bereits unterschiedlichen Ausgangsniveau an. Frühe Bildungschancen und spätere Weiterbildung sollten deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts zeigen vielmehr, dass beide Bereiche unterschiedliche Funktionen erfüllen. Während Höherqualifizierung im späteren Lebenslauf individuelle Entwicklungsmöglichkeiten bietet, geht es bei früher Bildung stärker darum, grundlegende Unterschiede bei den Startbedingungen zu vermeiden.
Umfangreiche Daten ermöglichen Blick auf den gesamten Berufsverlauf
Die Untersuchung profitiert davon, dass nicht nur einzelne Bildungsabschlüsse betrachtet wurden. Durch die Verbindung verschiedener Datensätze konnten die Forschenden Bildungs- und Erwerbsverläufe über einen längeren Zeitraum untersuchen. Mit sogenannten Dekompositionsanalysen wurde zudem geprüft, welchen Anteil ursprüngliche und später erworbene Bildungsabschlüsse an den Unterschieden bei Einkommen und beruflichem Status haben. So lässt sich differenzierter betrachten, woher die Unterschiede zwischen Menschen verschiedener sozialer Herkunft kommen. Die Ergebnisse zeigen dabei insbesondere die Bedeutung des Bildungsabschlusses, mit dem der Einstieg in den Arbeitsmarkt erfolgt. Spätere Abschlüsse spielen ebenfalls eine Rolle, reichen aber nicht aus, um die bestehenden Unterschiede zwischen Herkunftsgruppen grundlegend aufzulösen.
Zwei aktuelle Fachpublikationen aus dem Forschungsprojekt
Die Ergebnisse des Projekts wurden in zwei aktuellen wissenschaftlichen Fachpublikationen veröffentlicht. Sie beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen nachträglich erworbenen Bildungsabschlüssen, Einkommen, beruflichem Status und sozialer Ungleichheit in Deutschland. Eine Veröffentlichung stammt von A. Grauenhorst und S. Schindler. Der Beitrag ‚Upgrading of educational qualifications and the effects of social origin in terms of wages‘ untersucht unter anderem die Auswirkungen von Höherqualifizierung auf Löhne und den Einfluss der sozialen Herkunft. Eine weitere Studie von Steffen Schindler befasst sich mit Bildungsaufstiegen und Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt im späteren Berufsleben. Dabei wird ebenfalls betrachtet, welche Rolle die soziale Herkunft spielt. Bereits 2025 erschien zudem ein Working Paper von Steffen Schindler und Florian Bittmann, das sich mit Bildung, Höherqualifizierung und Arbeitsmarktergebnissen beschäftigt.
Die wichtigsten Veröffentlichungen im Überblick
| Veröffentlichung | Thema | Jahr |
|---|---|---|
| Grauenhorst & Schindler | Höherqualifizierung, soziale Herkunft und Löhne | 2026 |
| Schindler | Bildungsaufstieg und Arbeitsmarktungleichheit | 2026 |
| Schindler & Bittmann | Bildung, Höherqualifizierung und Arbeitsmarktergebnisse | 2025 |
Was die Ergebnisse für Bildung und Gesellschaft bedeuten
Die Bamberger Forschung liefert damit ein differenziertes Bild von Bildungsaufstieg. Ein zusätzlicher Abschluss kann sich für den Einzelnen deutlich auszahlen. Er kann bessere berufliche Chancen eröffnen und mit höheren Einkommen verbunden sein. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass spätere Bildungsentscheidungen bestehende Unterschiede nicht automatisch beseitigen. Die soziale Herkunft wirkt insbesondere über Bildungsunterschiede, die bereits früh im Lebenslauf entstehen. Damit richtet sich der Blick auch auf die Frage, wie Bildungschancen von Anfang an verteilt sind. Wenn Unterschiede beim Eintritt in den Arbeitsmarkt bereits groß sind, können spätere Bildungsangebote diese nur teilweise ausgleichen. Für die Forschenden folgt daraus, dass Maßnahmen zur Verringerung sozialer Ungleichheit früh ansetzen müssen. Gleichzeitig bleibt lebenslanges Lernen ein wichtiger Baustein für individuelle Entwicklung und beruflichen Aufstieg.
Bildung bleibt ein Schlüssel – aber nicht für alle mit denselben Startbedingungen
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts der Universität Bamberg zeigen: Höherqualifizierung lohnt sich, doch sie allein schafft noch keine vollständige Chancengleichheit. Wer später einen zusätzlichen Bildungsabschluss erwirbt, kann damit seine eigenen beruflichen Möglichkeiten verbessern. Die Unterschiede zwischen Menschen verschiedener sozialer Herkunft verändern sich dadurch jedoch nur begrenzt. Besonders wichtig bleiben deshalb die Bildungswege, die bereits vor dem Berufseinstieg stattfinden. Denn dort werden wesentliche Voraussetzungen für die spätere berufliche Entwicklung geschaffen. Die Studie macht damit deutlich, dass individuelle Bildungserfolge und gesellschaftliche Chancengleichheit zwei unterschiedliche Ziele sind. Wer soziale Ungleichheiten langfristig verringern möchte, muss deshalb sowohl spätere Bildungswege ermöglichen als auch früh für möglichst gleiche Bildungschancen sorgen.















