Die Bundesregierung plant Änderungen im Arbeitsrecht, um den Krankenstand in Deutschland zu senken.
Künftig sollen Beschäftigte bereits ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen müssen. Zudem soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden. Nach Ansicht von Prof. Dr. Marvin Reuter von der Universität Bamberg werden diese Maßnahmen jedoch ihr Ziel verfehlen.
Mehr Druck auf Beschäftigte
Der Soziologe, der zu Arbeit, Gesundheit und sogenanntem Präsentismus – also dem Arbeiten trotz Krankheit – forscht, geht davon aus, dass die geplanten Änderungen eher dazu führen werden, dass mehr Menschen krank zur Arbeit erscheinen. Seiner Einschätzung nach tragen kurze Krankheitsausfälle nur in geringem Maße zum gesamten Krankenstand bei. Der Anstieg der Fehlzeiten sei vielmehr auf längere Erkrankungen zurückzuführen, insbesondere im Zusammenhang mit psychischen Belastungen.
Zusätzliche Belastung für Arztpraxen
Auch für Hausarztpraxen erwartet Reuter negative Folgen. Wenn Beschäftigte bereits am ersten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung benötigen, dürfte dies den Andrang in den Praxen weiter erhöhen. Zugleich könnten viele Erkrankte den Arztbesuch hinauszögern oder ganz vermeiden – etwa aus Angst vor langen Wartezeiten oder einer Ansteckung mit weiteren Krankheiten.
Befristete Arbeitsverträge als weiterer Risikofaktor
Kritisch bewertet der Wissenschaftler auch die geplante Ausweitung der sachgrundlosen Befristung bei Neueinstellungen von bisher zwei auf vier Jahre. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse führten nach Erkenntnissen der Forschung häufig zu größerer Unsicherheit und psychischer Belastung. Das könne sowohl Präsentismus als auch längere krankheitsbedingte Ausfälle begünstigen.
Bessere Arbeitsbedingungen statt strengere Regeln
Aus Sicht von Marvin Reuter sollte die Politik vor allem die Ursachen längerer Krankheitsausfälle bekämpfen. Dazu gehörten bessere Arbeitsbedingungen sowie eine stärkere Prävention psychischer Belastungen am Arbeitsplatz. Erst kürzlich veröffentlichte der Bamberger Soziologe zudem eine Studie zum Zusammenhang zwischen der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Präsentismus. Seine Einschätzung: Nachhaltig sinkende Krankheitszahlen lassen sich nicht durch strengere Nachweispflichten erreichen, sondern vor allem durch gesündere Arbeitsbedingungen.















