E.T.A. Hoffmann mag für viele ein Name aus längst vergangenen Literaturzeiten sein – doch in Bamberg ist sein Erbe lebendig.
Das zeigte einmal mehr die Veranstaltung ‚Bamberg on tour‘ am 3. Mai. Über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer machten sich gemeinsam mit Martin Habermeyer, Kurator des E.T.A.-Hoffmann-Hauses, auf den Weg, um Hoffmanns Spuren in der Stadt zu entdecken. Unterstützt wurde die Tour von John von Düffel, Intendant des E.T.A.-Hoffmann-Theaters. Gemeinsam entführten sie die Gruppe in einen Kosmos voller Kunst, Geschichte und Fantasie.
Mehr als nur eine kurze Stadtrunde
Wer dachte, die Tour würde sich auf wenige bekannte Orte beschränken, wurde schnell eines Besseren belehrt. Statt einer kurzen Runde führte die Strecke quer durch Bamberg – vom E.T.A.-Hoffmann-Platz über den Hain bis hin zur Langen Straße. Selbst ein Abstecher zur Altenburg stand zur Diskussion. Die Route verdeutlichte eindrucksvoll: Hoffmann war zu seiner Zeit in Bamberg viel unterwegs. Trotz seiner eher kleinen Statur legte er große Strecken zu Fuß zurück – selbst bei winterlichen Temperaturen. Besonders der Hain spielte dabei eine zentrale Rolle als Rückzugsort und Inspirationsquelle.
Hoffmanns Anfänge in Bamberg
Im Jahr 1808 kam E.T.A. Hoffmann als ambitionierter Musikdirektor nach Bamberg. Sein Engagement am Theater begann vielversprechend, doch bereits nach rund 40 Tagen gab er die Position wieder auf. Eine langfristige Perspektive in dieser Rolle blieb ihm verwehrt. Dennoch blieb Hoffmann dem Theater treu. Er arbeitete als Dramaturg, Dekorationsmaler und übernahm verschiedene weitere Aufgaben. Parallel dazu verdiente er seinen Lebensunterhalt durch Musikunterricht für Töchter aus wohlhabenden Familien. John von Düffel betonte zu Beginn der Tour, wie prägend diese Zeit für Hoffmanns spätere Karriere als Schriftsteller war. Werke wie die ‚Fantasiestücke in Callots Manier‘ legten den Grundstein für seinen literarischen Erfolg.
Leben und Wohnen in der Domstadt
Hoffmanns erster Wohnsitz befand sich am Alten Kanal. Später zog er in ein schmales Haus am Schillerplatz, direkt gegenüber der damaligen Theater-‚Rose‘. Diese Orte sind bis heute Teil der literarischen Erinnerungskultur in Bamberg. Ein besonderes Highlight für die Zukunft kündigte Martin Habermeyer an: Die geplante Wiedereröffnung des E.T.A.-Hoffmann-Hauses im Jahr 2028. Dort sollen die vielen Facetten des Künstlers erlebbar gemacht werden – vom Juristen über den Komponisten bis hin zum Schriftsteller und Zeichner.
Inspiration zwischen Natur und Begegnungen
Der Hain war für Hoffmann weit mehr als nur ein Spazierort. Hier fand er Ruhe und Inspiration für seine Werke. Gleichzeitig war er ein Ort der Begegnung. So traf Hoffmann im ‚Vergnügungsort Bug‘ auf Carl Friedrich Kunz, der später zu einem wichtigen Freund und Geschäftspartner wurde. Kunz war Verleger und ermöglichte die Veröffentlichung der ‚Fantasiestücke‘. Diese Zusammenarbeit markierte einen entscheidenden Wendepunkt in Hoffmanns Karriere. Gemeinsam verbrachten sie zudem gesellige Stunden in den Weinkellern der Stadt – ein Hinweis auf Hoffmanns ausgeprägte Vorliebe für Genuss.
Zwischen Genie und Exzess
Hoffmann war eine schillernde Persönlichkeit. Seine Neigung zum Alkohol war bekannt, doch erstaunlicherweise beeinträchtigte sie seine kreative Schaffenskraft kaum. Im Gegenteil: Viele seiner Werke zeichnen sich durch eine außergewöhnliche Fantasie und Ausdruckskraft aus. Internationalen Ruhm erlangte er unter anderem mit dem Märchen ‚Nußknacker und Mäusekönig‘, das durch die Ballettadaption von Tschaikowski weltberühmt wurde. Seine Werke verbinden oft skurrile, düstere und humorvolle Elemente – ein Stil, der bis heute fasziniert.
Schauplätze des Morbiden und Fantastischen
Bamberg bot zu Hoffmanns Zeiten reichlich Stoff für seine literarischen Motive. Verfallene Gebäude, düstere Orte und medizinische Einrichtungen lieferten Inspiration für Werke wie ‚Die Elixiere des Teufels‘. Besonders prägend war auch die Bekanntschaft mit dem Arzt Adalbert Friedrich Marcus. Dieser war ein Pionier im Bereich der Psychiatrie und gründete moderne Einrichtungen wie das Allgemeine Krankenhaus und eine Irrenanstalt. Hoffmann erhielt durch ihn tiefe Einblicke in die menschliche Psyche – ein Thema, das sich in vielen seiner Werke widerspiegelt.
Unerfüllte Liebe und persönliche Dramen
Ein zentrales Kapitel in Hoffmanns Bamberger Zeit ist seine unerfüllte Liebe zu Julia Mark. Trotz seiner Ehe mit Michalina Rohrer entwickelte er starke Gefühle für seine junge Schülerin. Die Beziehung blieb jedoch einseitig und wurde von Julias Mutter früh unterbunden. Diese emotionale Erfahrung fand ebenfalls Eingang in Hoffmanns literarisches Schaffen. Eine Gedenktafel in der Langen Straße erinnert heute an diese Episode.
Kunst und Kultur bis heute erlebbar
Auch heute ist Hoffmanns Einfluss in Bamberg spürbar. Der E.T.A.-Hoffmann-Tanzsaal in der Alten Hofhaltung verbindet historische Elemente mit moderner Kunst. Dort treffen traditionelle Figuren auf zeitgenössische Werke und schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Veranstaltungen wie Lesungen und Konzerte greifen Hoffmanns Themen immer wieder auf. Ein Beispiel ist die konzertante Lesung ‚Ahnungen aus dem Reiche der Töne‘, die Musik und Literatur miteinander verbindet.
Eine Zeit voller Widersprüche
Hoffmann selbst bezeichnete seine Jahre in Bamberg als ‚Lehr- und Marterjahre‘. Trotz finanzieller Sorgen und persönlicher Rückschläge blickte er später mit einer gewissen Nostalgie auf diese Zeit zurück. In einem Brief beschrieb er sie als schillernde Episode – „eine Flitter auf dunklem Grunde“. Diese Mischung aus Chaos, Kreativität und Lebenslust prägte sein Werk nachhaltig und macht seine Texte bis heute so faszinierend.
Ausblick auf kommende Touren
Die Reihe ‚Bamberg on tour‘ wird fortgesetzt. Am 7. Juni steht das Thema Naturschutz im Fokus. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Aero-Club Bamberg in der Zeppelinstraße. Damit bleibt die Veranstaltungsreihe ein lebendiger Zugang zur Stadtgeschichte – und zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart auf spannende Weise miteinander verbunden werden können.















