Mit „Achtsam morden“ bringt das TiG – Theater im Gärtnerviertel – eine Bühnenfassung auf die Bühne, die sich irgendwo zwischen Kriminalkomödie, Gesellschaftssatire und groteskem Wellness-Ratgeber bewegt.
Was nach einer kuriosen Mischung klingt, entpuppt sich in der Inszenierung von Marco Steeger als ein außergewöhnlich temporeicher, pointierter und vor allem urkomischer Theaterabend. Selten wurde das Spannungsfeld zwischen Selbstoptimierung und organisiertem Verbrechen so unterhaltsam verhandelt wie an diesem Abend in der Halle der RZB Rudolf Zimmermann Bamberg GmbH.
Ein Strafverteidiger auf dem Weg zur inneren Ruhe
Im Zentrum der Geschichte steht Björn Diemel, ein Strafverteidiger, dessen Alltag von mafiösen Mandanten, Termindruck und familiären Konflikten geprägt ist. Einst idealistischer Jurastudent, inzwischen gefangen im Hamsterrad aus Erwartungen und Überforderung, gerät er an einen Achtsamkeitscoach, dessen Lebensweisheiten sein Leben radikal verändern — und ihn ganz nebenbei in die Position eines Mafiabosses katapultieren. Doch die Frage, wer hier eigentlich wen ermordet, ist fast nebensächlich. Viel spannender ist die Entwicklung dieser Figur, die versucht, Kontrolle über ein Leben zurückzugewinnen, das längst außer Kontrolle geraten ist. Die Inszenierung versteht es klug, diesen inneren Konflikt nicht schwer oder moralisch aufzuladen, sondern mit feinem Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie zu erzählen.
Matthias Eberle glänzt als Björn Diemel
Vor allem Matthias Eberle trägt den Abend mit beeindruckender Präsenz. Die Rolle des Björn Diemel scheint ihm tatsächlich wie auf den Leib geschneidert. Mit ausdrucksstarker Mimik, präzisem Timing und einer bemerkenswerten Wandlungsfähigkeit gelingt es ihm, die Figur gleichermaßen sympathisch wie absurd erscheinen zu lassen. Besonders seine Gesichtsausdrücke werden immer wieder zum komödiantischen Höhepunkt. Zwischen gestresstem Familienvater, überfordertem Anwalt und plötzlich erstaunlich gelassenem Mafiaorganisator liegen oft nur Sekunden — und genau diese Brüche spielt Eberle mit großer Leichtigkeit aus.
Rasante Rollenwechsel mit atemberaubendem Tempo
Überhaupt lebt dieser Abend von seiner enormen Spielgeschwindigkeit. Benjamin Bochmann, Aline Joers und Matthias Eberle wechseln in Höchstgeschwindigkeit zwischen insgesamt neunzehn Rollen. Stimmen, Körperhaltungen und Charaktere verändern sich im Sekundentakt, ohne dass der Überblick verloren geht. Vor allem Benjamin Bochmann beeindruckt mit nahezu artistischer Präzision bei seinen Rollenwechseln. Gemeinsam mit Aline Joers entsteht ein choreografiertes Chaos, das perfekt zur Überforderung passt, die das Stück thematisiert. Gerade diese rastlose Dynamik wird zum Spiegel einer modernen Gesellschaft, in der Menschen permanent zwischen Rollen, Erwartungen und Identitäten jonglieren.
Ein Bühnenbild voller kreativer Einfälle
Ein weiterer Star des Abends ist das Bühnenbild von Linda Hofmann. Die dreistöckige Konstruktion wird nicht nur vollständig ausgenutzt, sondern entwickelt beinahe ein Eigenleben. Treppen, Ebenen und versteckte Spielflächen erzeugen eine permanente Bewegung und eröffnen immer neue überraschende Situationen. Dabei entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen nicht nur optische Tiefe, sondern auch viel komödiantisches Potenzial. Besonders gelungen ist der kreative Einsatz von Papprequisiten und Kartonelementen. Ob Papppistole oder Pappfahrzeug — vieles wirkt bewusst improvisiert und entfaltet gerade dadurch einen charmanten, fast kindlichen Humor. Die dazugehörigen menschlich erzeugten Soundeffekte verstärken diesen Eindruck zusätzlich und verleihen der Inszenierung eine wunderbar verspielte Note.
Mutige Videotechnik mit perfektem Timing
Bemerkenswert ist außerdem der Einsatz vorproduzierter Filmsequenzen. Solche technischen Elemente bergen im Theater immer Risiken, da Timing und Abläufe exakt funktionieren müssen. Umso beeindruckender ist, wie präzise hier Bild, Spiel und Tempo ineinandergreifen. Die Videosequenzen fügen sich organisch in das Bühnengeschehen ein und erweitern die Inszenierung sinnvoll, ohne vom eigentlichen Schauspiel abzulenken. Gerade weil hier so viel hätte schiefgehen können, verdient die technische Umsetzung großes Lob.
Humor zwischen Unterwelt und Achtsamkeitsseminar
Die Inszenierung findet ihren stärksten Ton dort, wo brutale Unterweltlogik auf sanfte Achtsamkeitsphilosophie trifft. Besonders die Szenen rund um die karikierten Unterweltproleten sorgen immer wieder für große Lacher. Wenn ein Anwalt unter dem Deckmantel der Achtsamkeit symbolisch die Leiter in die Unterwelt hinabsteigt, entsteht daraus eine herrlich absurde Komik. Das Stück nimmt dabei nicht nur die Mechanismen des organisierten Verbrechens aufs Korn, sondern auch die moderne Wellness- und Coachingkultur. Diese Mischung funktioniert erstaunlich gut, weil die Inszenierung nie versucht, besonders tiefgründig oder belehrend zu wirken. Stattdessen vertraut sie ganz auf Tempo, Timing und pointierte Überzeichnung.
Ein Publikum zwischen Staunen und Dauerlachen
Dass dieser Ansatz aufgeht, zeigte sich spätestens am Ende des Abends. Minutenlanger Applaus und ein sichtlich begeistertes Publikum machten deutlich, wie sehr diese Produktion den Nerv des Abends traf. Das TiG gelingt mit „Achtsam morden“ eine Inszenierung, die gleichermaßen unterhält und den Wahnsinn moderner Lebensrealitäten spiegelt. Zwischen Stress, Selbstoptimierung und Dauererreichbarkeit entfaltet sich ein Theaterabend, der vor allem eines ist: unfassbar witzig. Vielleicht sogar das bisher witzigste Stück des TiG.















