Wie können schwer traumatisierte unbegleitete minderjährige Geflüchtete bestmöglich psychologisch versorgt werden?
Antworten darauf liefert das Forschungsprojekt BetterCare, an dem auch Wissenschaftler der Universität Bamberg maßgeblich beteiligt waren. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt im renommierten Fachjournal The Lancet Global Health veröffentlicht und zeigen, dass ein gestuftes Versorgungsmodell die psychische Gesundheit der Jugendlichen nachhaltig verbessern kann.
Passgenaue Hilfe zeigt deutliche Erfolge
Im Rahmen der Studie begleiteten die Forschenden 627 unbegleitete minderjährige Geflüchtete aus 58 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in sieben Bundesländern. Die Jugendlichen stammten aus 40 Herkunftsländern und hatten im Durchschnitt sechs traumatische Erlebnisse erfahren. Rund 43 Prozent litten unter klinisch relevanten Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung, viele zusätzlich unter Depressionen oder Angststörungen.
Das sogenannte BetterCare-Modell setzt auf eine frühzeitige Diagnostik und eine Behandlung, die sich am individuellen Schweregrad der psychischen Belastung orientiert. Je nach Bedarf erhielten die Jugendlichen entweder ein traumapädagogisches Gruppenangebot oder eine traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Nach zwölf Monaten zeigte sich, dass die Teilnehmenden des BetterCare-Programms deutlich stärkere Verbesserungen ihrer psychischen Gesundheit erzielten als Jugendliche, die nach den bisherigen Standards versorgt wurden.
Universität Bamberg übernimmt zentrale Rolle
An der Universität Bamberg war Prof. Dr. Cedric Sachser, Professor für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie, als Koautor an dem Forschungsprojekt beteiligt. Gemeinsam mit den wissenschaftlichen Mitarbeitenden Jenny Eglinsky und Jacob Keller verantwortete das Bamberger Team nach Abschluss des Projekts unter anderem die Datenaufbereitung, statistische Auswertung sowie die Veröffentlichung der Hauptergebnisse. „Viele unbegleitete minderjährige Geflüchtete haben Krieg, Gewalt und sexuelle Gewalt vor, während oder nach der Flucht erlebt und tragen eine enorme psychische Belastung mit sich. Unsere Studie zeigt, dass wir ihnen mit einem gestuften Versorgungsmodell wirksam helfen können“, erklärt Sachser.
Frühzeitige Unterstützung ist entscheidend
Zentrale Bestandteile des Versorgungskonzepts sind ein standardisiertes Screening, niedrigschwellige Hilfsangebote sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Psychotherapie und Dolmetschenden. Jugendliche mit leichteren Belastungen nahmen am Gruppenprogramm ‚Mein Weg‘ teil, das direkt in den Jugendhilfeeinrichtungen durchgeführt wurde. Bei schwereren psychischen Erkrankungen kam eine wissenschaftlich anerkannte traumafokussierte Verhaltenstherapie zum Einsatz.
Studie zeigt auch bestehende Hürden
Trotz der positiven Ergebnisse macht die Untersuchung deutlich, dass nicht alle empfohlenen Therapieangebote tatsächlich genutzt werden. Nur etwa die Hälfte der Jugendlichen mit Behandlungsbedarf nahm eine traumafokussierte Psychotherapie in Anspruch. Als Gründe nennen die Forschenden unter anderem Unsicherheiten beim Aufenthaltsstatus, fehlende Kenntnisse über psychotherapeutische Angebote sowie organisatorische Hürden im Alltag. Niedrigschwellige Programme wie ‚Mein Weg‘ könnten deshalb eine wichtige Brücke in weiterführende Hilfsangebote sein.
Ergebnisse wirken über das Projekt hinaus
Das Forschungsprojekt BetterCare lief über sieben Jahre und entfaltet auch nach seinem Abschluss Wirkung. Das Gruppenprogramm ‚Mein Weg‘ wird inzwischen in zahlreichen Jugendhilfeeinrichtungen weiter eingesetzt. Gleichzeitig wurden Fachkräfte aus Jugendhilfe und Psychotherapie geschult, um traumatisierten jungen Geflüchteten langfristig einen besseren Zugang zu wirksamer Hilfe zu ermöglichen. Mit den nun veröffentlichten Ergebnissen liefert das Projekt wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse für die psychologische Versorgung junger Geflüchteter – und zeigt, wie eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche die Lebensqualität dieser besonders schutzbedürftigen Menschen nachhaltig verbessern kann.
















