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News Bamberg

Frischs ‚Andorra‘ eindrucksvoll auf Bambergs TiG-Bühne

Eine intensive Inszenierung zeigt, wie Sprache und Gemeinschaft Ausgrenzung und Vorurteile formen

Annika Von Annika
20.Februar.2026 | 13:56 Uhr
in Bamberg, Meinung
Martin Habermeyer als Andri und Juliane Ulmer  als Barblin in Max Frisch 'Andorra' des TiG. Quelle: Werner Lorenz

Martin Habermeyer als Andri und Juliane Ulmer als Barblin in Max Frisch 'Andorra' des TiG. Quelle: Werner Lorenz

Es ist ein Stoff, der schmerzt – und gerade deshalb auf die Bühne gehört.

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Mit Andorra von Max Frisch wagt sich das Theater im Gärtnerviertel (TiG) an einen der bedeutendsten und zugleich unbequemsten Texte des 20. Jahrhunderts. Die Inszenierung in der Aula des Franz-Ludwig-Gymnasium beweist dabei nicht nur Mut, sondern auch eine bemerkenswerte Sensibilität im Umgang mit einem Stück, das wie ein Brennglas auf gesellschaftliche Mechanismen wirkt. Frisch selbst verstand sein Andorra nicht als Abbild eines realen Staates, sondern als Modell. Und genau als solches entfaltet der Abend seine Kraft: als Versuchsanordnung darüber, wie Ausgrenzung entsteht – nicht durch einzelne Monster, sondern durch eine Gemeinschaft.

Die langsame Konstruktion eines „Juden“

Im Zentrum steht Andri, der Pflegesohn des Lehrers. Niemand im Dorf habe grundsätzlich etwas gegen ihn, heißt es immer wieder. Er sei eine Ausnahme. Nicht geldgierig wie „die anderen“. Vielleicht etwas feige. Vielleicht etwas lüstern. Vielleicht einfach anders. Aus diesen scheinbar beiläufigen Bemerkungen formt sich Schritt für Schritt ein Bild – ein Bild, das weniger über Andri als über die anderen erzählt. Martin Habermeyer gestaltet diese innere Entwicklung mit großer Feinfühligkeit. Sein Andri ist kein pathetischer Held, sondern ein junger Mann, der zunehmend verunsichert wird und schließlich beginnt, die Zuschreibungen seines Umfelds selbst zu glauben. Man kann förmlich beobachten, wie er sich in das Stereotyp hineinpressen lässt, wie Zweifel zu Identität gerinnt. Diese schauspielerische Leistung wirkt nie aufgesetzt, sondern durchweg glaubwürdig und berührend. So wird erfahrbar, was Frisch als das eigentliche Böse beschreibt: dass ein Mensch irgendwann „so wird, wie sie sagen“.

Austauschbare Täter in einer funktionierenden Gemeinschaft

Ein besonders kluger Regieeinfall von Nina Lorenz liegt im offenen Rollenwechsel auf der Bühne. Die Darstellerinnen und Darsteller übernehmen mehrere Figuren, wechseln teils sogar untereinander. Der Wirt ist nicht nur Wirt, der Soldat nicht nur Soldat – die Figuren erscheinen austauschbar. Gerade dadurch wird deutlich, dass es Frisch nicht um individuelle Schuldzuweisungen geht, sondern um Strukturen. Antisemitismus erscheint hier nicht als extreme Entgleisung, sondern als alltägliche Praxis, die sich über Sprache, Wiederholung und Zustimmung organisiert. Die Andorraner wirken nicht dämonisch, sondern normal – als funktionierende Gemeinschaft, die sich ihrer eigenen Verantwortung kaum bewusst ist. Die Inszenierung verschiebt den Fokus konsequent vom Opfer auf das System. Andris Schicksal ist erschütternd, doch im Zentrum steht das Funktionieren der Gesellschaft, die ihn definiert, einordnet und schließlich vernichtet.

Barblin als moralischer Gegenpol

Juliane Ulmer verleiht Barblin eine eindrucksvolle Präsenz. Ihre Figur stemmt sich gegen das immer schneller drehende Rad des Alltagsantisemitismus, widerspricht, wo andere schweigen, und hält zu Andri – als Schwester, als Verlobte, als Mensch. Gerade in den ruhigeren Momenten entwickelt ihre Darstellung große Kraft. Barblins Widerstand bleibt individuell und begrenzt, doch er setzt einen Kontrapunkt zur kollektiven Gleichgültigkeit. Die Endszene, in der sich diese Spannung entlädt, hinterlässt ein beklemmendes Gefühl im Raum. Es ist keine laute Katharsis, sondern eine Stille, die nachhallt.

Ein Bühnenraum, der Enge spürbar macht

Das Bühnenbild von Denise Leisentritt nutzt die Höhe der Aula auf eindrucksvolle Weise. Von der Decke herabhängende Streifen strukturieren den Raum und lassen ihn zugleich zunehmend enger erscheinen. Dieser visuelle Effekt spiegelt Andris Situation wider: Der Raum, der ihm zur Verfügung steht, schrumpft – sozial wie existenziell. Unterstützt wird diese Wirkung durch die Percussion-Elemente zwischen den Szenen, die dem Abend einen modernen, beinahe treibenden Rhythmus verleihen. Wie ein akustisches Sinnbild begleitet das Schlagwerk das stetige Weiterdrehen des Mechanismus, der Ausgrenzung produziert.

Theater als Beobachtung und Auseinandersetzung

Eine besondere Ebene erhält die Inszenierung durch die Einbindung von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums als Beobachtende. Sie ordnen das Geschehen ein, benennen Problematiken und spiegeln das Gesehene aus ihrer Perspektive. Mitunter wirken diese Kommentare etwas didaktisch oder platt, doch sie machen unmissverständlich klar, dass es hier nicht um historische Distanz geht. Zugleich verfolgen die Darstellerinnen und Darsteller, wenn sie gerade nicht in ihrer Rolle stehen, gemeinsam mit den Schülern das Bühnengeschehen. Das Stück wird dadurch sichtbar als Objekt der Auseinandersetzung. Theater erscheint nicht nur als Darstellung, sondern als Prozess des Hinschauens. Auch wenn diese Konzeption stellenweise Unruhe ins Spiel bringt, schärft sie doch die zentrale Frage: Wie sprechen wir? Wie ordnen wir Menschen ein? Und ab wann wird Schweigen zur Mitschuld?

Ein notwendiger und nachwirkender Abend

Die Inszenierung achtet sorgfältig darauf, die im Text enthaltenen Stereotype nicht unkommentiert zu reproduzieren, sondern sie als solche kenntlich zu machen. Gerade dadurch gelingt eine klare Einordnung, die das Stück nicht entschärft, sondern seine Struktur offenlegt. Andorra gibt keine einfachen Antworten, sondern zeigt, wie kollektive Ausgrenzung entsteht – und wie unspektakulär sie beginnt. In einer Zeit gesellschaftlicher Spannungen gewinnt dieser Abend zusätzliche Dringlichkeit. Das Theater im Gärtnerviertel kann stolz darauf sein, sich an diesen Text herangewagt zu haben. Die Aufführung hinterlässt keinen schnellen Applaus-Effekt, sondern einen bleibenden Eindruck. Am Ende bleibt vor allem eine Frage, die sich nicht auf der Bühne klären lässt, sondern im Publikum weiterarbeitet: Was hat das mit uns zu tun?

Weitere Termine und wichtige Informationen

Für alle, die sich diese eindringliche Inszenierung nicht entgehen lassen wollen, gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten: Weitere Vorstellungen von Andorra finden am 21. und 26. Februar sowie am 12., 13., 14., 19., 20., 21., 25., 26. und 27. März 2026 jeweils um 19:30 Uhr statt, Einlass ist ab 18:45 Uhr. Gespielt wird in der Aula des Franz-Ludwig-Gymnasiums, Franz-Ludwig-Straße 13 in Bamberg. Die Eintrittspreise liegen bei 27 € im Vorverkauf (28 € an der Abendkasse). Studierende und Schüler*innen zahlen 16 € im Vorverkauf (17 € an der Abendkasse).

Annika


Annika

Als Redakteurin für Kulturthemen berichtet Annika über das vielfältige kulturelle Leben in Bamberg. Besonders das Theater liegt ihr am Herzen – ihre Rezensionen auf Bamberg – meine Stadt® bieten fundierte Einblicke und machen neugierig auf die nächsten Premieren.

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