Das Musical ‚Das Mädchen mit der Pringlesdose‘, nach dem Stück EXTRA ZERO von Elisabeth Pape und inszeniert vom ETA Hoffmann Theater, ist ein ungewöhnliches, gleichzeitig berührendes und aufrüttelndes Theatererlebnis, das die komplexe Welt jugendlicher Betroffener von Essstörungen auf die Bühne bringt.
Regisseur Mathias Noack hat aus dem biografisch geprägten Text ein musikalisches Gesamtkunstwerk geschaffen, in dem junge Menschen in einer institutionellen Umgebung gegen den Druck des eigenen Körpers und gesellschaftliche Schönheitsideale kämpfen. Die Handlung folgt einer Gruppe von Jugendlichen, die lebensbedrohlich untergewichtig sind und in eine Einrichtung kommen, in der sie wieder an Gewicht zunehmen sollen – das Gegenprogramm zu dem, was ihr Leben bisher bestimmt hat. Unter ihnen ist die titelgebende ‚Neue‘, das Mädchen mit der Pringlesdose. Sie erlebt die Versorgung als Bedrohung, Nahrung als Feind – und öffnet gleichzeitig die Tür zu den Emotionen und Konflikten ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner.
Authentische Darstellung von Ambivalenz und Gefühlen
Bemerkenswert ist die konsequente Darstellung der inneren Ambivalenz: Die Beziehung zu den Pflegerinnen und Pflegern ist überwiegend negativ konnotiert, die jungen Menschen erleben das System zunächst als einengend und feindlich. Dankbarkeit tritt nur vereinzelt auf – die Darstellung ist nicht versöhnlich, sondern realistisch und radikal ehrlich. Diese emotionale Achterbahnfahrt wird nicht nur im Text, sondern auch durch die Musik transportiert. Sie ermöglicht den Charakteren, ihre Gefühlswelt zu öffnen und den Zuschauerinnen und Zuschauern einen direkten Zugang zu ihrer inneren Zerrissenheit zu geben. Elisabeth Papes persönliche Erfahrung mit Essstörungen verleiht dem Stück eine besondere Tiefe: Es ist nicht nur fiktional, sondern eine Bestandsaufnahme der Gefühle betroffener Jugendlicher, die sowohl das Verständnis für die Betroffenen fördert als auch die gesellschaftlichen Mechanismen von Körperkult und Schönheitsdruck kritisch beleuchtet.
Offener Castingprozess und schauspielerische Leistung
Das Ensemble besteht überwiegend aus Bamberger Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eigens für dieses Projekt gecastet wurden. Interessanterweise hatte ein Teil der Darstellenden keinerlei Vorerfahrung – was die absolut überzeugende schauspielerische Leistung umso beeindruckender macht. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler navigieren sicher durch die psychologische Komplexität ihrer Rollen und schaffen eine glaubwürdige, intensive Bühnenpräsenz. Der Castingprozess selbst war offen und fair gestaltet: Aus 50 Bewerbenden wurde nach Workshops mit dem Regisseur und einem Gesangsvorsprechen eine Gruppe von zehn Personen ausgewählt, die in die finale Besetzung ging. Geschlechtswahl spielte dabei keine Rolle – die Entscheidung basierte allein auf Eignung und Talent.
Musik, Choreografie und Atmosphäre
Die musikalische Umsetzung durch Johannes David Wolff und Johannes Klehr sowie die choreografische Arbeit von Anne Retzlaff sind hervorragend. Die Musik fungiert als Sprachrohr der Emotionen, ergänzt von einer Live-Band, die den Energielevel des Stücks trägt. Die Songs sind so gewählt, dass sie die innere Zerrissenheit der Figuren unterstreichen und gleichzeitig Momente der Leichtigkeit zulassen. Die Ausstattung und das Bühnenbild von Ksenia Dudkina schaffen eine greifbare Atmosphäre der Institution, die gleichzeitig Schutz und Bedrohung symbolisiert. Ergänzt wird das Ensemble durch choreografisches Training und Vocal Coaching, was zu einem runden, professionellen Gesamtbild führt.
Gesellschaftskritische Botschaften
Das Stück thematisiert Selbstoptimierung, Schönheitswahn und den Druck von außen, zeigt die gegenseitige Verstärkung innerhalb der Community der Betroffenen und die Angst vor Ablehnung durch andere. Gleichzeitig verdeutlicht es die Normalisierung von Körperkult auf erschreckende Weise. Durch optionale Nachgespräche nach der jeweiligen Aufführung werden diese Themen noch vertieft, um Verständnis zu fördern und die Mechanismen von gestörtem Essverhalten zu erläutern. Sucht, Selbstoptimierung und Essstörungen werden als austauschbare, universelle Probleme dargestellt, die unabhängig von spezifischen Lebensgeschichten existieren können. Die Darstellung macht deutlich, dass Betroffene oft in einem Spannungsfeld zwischen Selbstschutz und gesellschaftlicher Erwartung gefangen sind.
Termine und Veranstaltungsinfos
‚Das Mädchen mit der Pringlesdose‘ wird im Rahmen der Reihe ETA Hoffnung! aufgeführt, unterstützt von der Alexandra Böhnlein Stiftung und der Hans Thomann-Stiftung. Die Dauer beträgt 1 Stunde 15 Minuten, es gibt keine Pause, um die emotionale Intensität zu bewahren.
Aufführungstermine:
- Do., 02.04. – 19:00 Uhr
- Fr., 10.04. – 19:00 Uhr
- Sa., 11.04. – 19:00 Uhr
- So., 12.04. – 19:00 Uhr
- Mi., 06.05. – 19:00 Uhr
- Do., 07.05. – 19:00 Uhr
- Fr., 08.05. – 19:00 Uhr
- Sa., 09.05. – 19:00 Uhr
- So., 10.05. – 19:00 Uhr
- Mi., 13.05. – 19:00 Uhr
- Do., 14.05. – 19:00 Uhr
- Sa., 16.05. – 19:00 Uhr
- Do., 11.06. – 19:00 Uhr
- Fr., 12.06. – 19:00 Uhr
- Sa., 13.06. – 19:00 Uhr
Die Aufführungen bieten eine einzigartige Gelegenheit, ein junges, talentiertes Ensemble live zu erleben. Die Nachgespräche ermöglichen zudem einen intensiven Austausch über die Thematik, fördern Empathie und Verständnis für die Herausforderungen junger Menschen.
Fazit: Ein Musical, das nachhallt
‚Das Mädchen mit der Pringlesdose‘ ist ein kraftvolles, emotional aufwühlendes Musical, das sich mutig mit einem schwierigen Thema auseinandersetzt. Die Kombination aus authentischer Darstellung, exzellenter Musik und überzeugendem Ensemble macht das Stück zu einem Erlebnis, das nachklingt. Es regt nicht nur zum Nachdenken über Essstörungen und Schönheitsideale an, sondern sensibilisiert auch für die emotionalen Herausforderungen junger Menschen in einer von Leistungsdruck und Selbstoptimierung geprägten Gesellschaft. Dieses Musical ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Theater junge Menschen erreichen und gesellschaftlich relevante Themen auf kreative und zugleich berührende Weise vermitteln kann.
















