Den Geruch vom Schwarzpulver der krachenden Böller in der Nase, die den Himmel sprenkelnden Funkten der Silvesterraketen im Blick. GoBamberg-Chefredakteur Manuel Stark hat in diesem Moment des Jahreswechsels Angst. Angst um sein Land, das im Zuge der Flüchtlingskrise dem Wahnsinn zu verfallen scheint.

Was wünschen wir uns für das kommende Jahr 2016? Eine Arbeit? Die große Liebe? Eine Gehaltserhöhung? Viel Zeit mit den Freunden? In dieser Nacht der Wünsche wird auch ein Telefon in Forchheim klingeln. „Wir wünschen uns, euch wieder zu sehen“, wird eine trauernde Frauenstimme sagen. „Hier ist alles gut“, wird eine feste Männerstimme lügen.

Die Antwort, die Michael und sein Bruder Thomas darauf geben werden ist einfach: „Wir wünschen uns, dass ihr überlebt.“ Während die beiden Brüder, 17 und 16 Jahre alt, in Forchheim auf dem Bett sitzen und das knallen von Silvesterraketen hören, sitzen ihre Eltern in den verbliebenen Trümmern einer zerstörten Stadt. Aleppo hat seine einstige Schönheit an den Krieg verloren. Als Zentrum des Krieges zwischen IS, Rebellen, Kurden und dem Regime. Wo sich vor fünf Jahren noch dutzende Studenten um einen grün-blau beleuchteten Brunnen in der Mitte eines großen Platzes versammelten um in lauen Sommerabenden für die Universität zu lernen, fallen heute manchmal mehr als 50 Bomben am Tag. Manche dieser Einschläge haben Michael und Thomas auf ihrem Handy gefilmt. [pro_ad_display_adzone id=”7628″ align=”right” padding=”5″]

Vor diesem Leben sind die beiden Brüder geflohen. In Aleppo gingen sie beide auf eine elitäre Privatschule, sie sprechen perfektes Englisch und standen kurz vor ihrem Abschluss. In Deutschland haben sie Mühe, überhaupt in einer Schule einen Platz zu finden. Noch beherrschen sie die Sprache nicht gut genug, um den Erklärungen des Lehrers im Unterricht schnell genug folgen zu können. Ihre Eltern mussten sie zurücklassen. Nur vorübergehend, hatten sie gedacht.

Zusammen mit zehn anderen Menschen saßen sie auf einem Boot, das für zwei Passagiere gebaut worden war. Sie bildeten mit ihren T-Shirts und Jacken notdürftig kleine Mauern gegen das eindringende Wasser. Fuhren mit einem Skipper der das erste Mal in seinem Leben ein Boot steuerte, mitten auf dem Mittelmeer. Zu dieser Zeit beschloss der Bundestag in Berlin, das Nachholen der Familien von Kriegsflüchtlingen nicht weiter zu erlauben.

PEGIDA – Eine scheinheilige Mitte

Wie reagieren wir auf so ein Schicksal? Natürlich ist in den sozialen Medien viel von Hilfsbereitschaft zu lesen, viel von Unterstützung und Helferwillen. Aber auch abscheuliche Kommentare der Häme sind in Bamberg sowie Deutschlandweit nicht nur Salonfähig, sondern alltäglicher Standard geworden.

fb post
PEGIDA und seine Ableger marschieren jeden Montag in ganz Deutschland. Auf ihren Bannern werfen sie Ideologische Symbole in den Müll. So auch das Hakenkreuz.

Das zeigt Wirkung: Tausende Menschen aus der bürgerlichen Mitte fühlen sich endlich verstanden in ihrer Angst, von einer Gruppe die zu Unrecht ausgegrenzt und von der gesellschaftlichen Elite geächtet wird. Ganz normale Menschen, keine Nazis, das sind die -GIDA Bewegungen in ihren Augen. Dass sich hinter der Leitung und Organisation solcher Bewegungen, wie beispielsweise in München oder Nürnberg, oft hochrangige Amtsträger der rechtsradikalen Szene oder auch Parteifunktionäre der NPD verstecken, das wird gerne überhört.

Der oftmals kritisierte Online-Versandhändler Amazon nutzt die neu erschienene PEGIDA-Hymne nun, um aus dem Erlös eben dieser „besorgten Bürger“ Flüchtlingen zu helfen. Gut so.

 

pegida und amazon

Und was ist jetzt mit Neujahr?

Was das Ganze jetzt noch mit Silvester oder gar Neujahr zu tun hat? Als ich noch vor wenigen Jahren im Geschichtsunterricht in der Schule saß waren Hakenkreuze, uniform marschierende Massen und das Grölen hirnloser von Hass erfüllter Parolen weit weg. Was interessierte es mich, was vor fast 100 Jahren in Deutschland passiert war? Kaum einer der Beteiligten lebt noch. „Irgendwann muss man auch mal abschließen können“, dachte ich.

Heute treffe ich meine beiden Freunde in Forchheim, gehe mit meinem dunkelhäutigen Grundschulfreund in eine Kneipe oder lausche einfach den Gesprächen in den Bamberger Buslinien. Und ich habe Angst. Angst, dass der Geschichtsunterricht nun doch zu einem Teil meines Lebens wird. Fackelmärsche, brennende Häuser einer Minderheit, wild geifernder Hass ohne Verstand: das waren die Anfänge des Hitler-Regimes in Deutschland. All das haben wir heute wieder. Anstatt Hakenkreuzen wehen nun PEGIDA-Banner, anstatt hochrangiger NS-Redner bedient sich heute Björn Höcke in Erfurt dem vor Wut, Hass und Hetze triefenden Worten eines Aufwieglers.

Ich mache mir Sorgen. Nein, es ist viel mehr eine tief greifende Angst. Die Angst um mein Land, um meine Familie, meine Freunde, gar um mein zukünftiges Leben. Die Bedrohung vor der ich mich fürchte kommt nicht aus Syrien, Afrika oder dem Balkan. Sie kommt aus deutschen Köpfen.