Der Vizepräsident der Otto-Friedrich Universität Bamberg, Prof. Dr. Sebastian Kempgen, verkündete via Rundmail, dass Bamberger Studenten sich ECTS-Punkte verdienen können, wenn sie lokale Flüchtlingsprojekte unterstützen. GoBamberg bat ihn um ein Gespräch.

Das Gespräch führte GoBamberg-Redakteur Andreas Wolfger:

GoBamberg.de: Herr Kempgen, das Engagement von Studenten bei sozialen Projekten, insbesondere im Bereich der Flüchtlingshilfe, auch mit ECTS-Punkten zu fördern ist an anderen Hochschulen bereits länger Normalität. Wie kam es in Bamberg zu der Entscheidung, nun auch hier studentisches Engagement in der Flüchtlingshilfe zu unterstützen?

Kempgen: Das Ganze ist an der Uni Bamberg breiter zu verstehen. Wir unterstützen generell den Gedanken des Service Learnings (Service Learning beschreibt eine Unterrichtsform in der wissenschaftliche Inhalte mit sozialem Engagement verknüpft werden; Anmerkung der Redaktion) und wollen ihn daher bei uns einführen. Es gehört eben zu allen Studiengängen dazu, dass ich meine Studierenden für gesellschaftliche Teilhabe und bürgerliches Engagement qualifiziere. Das muss ich irgendwie nachweisen können. Service Learning bietet sich dafür optimal an. Die Hilfsbereitschaft im Bereich der Flüchtlinge war lediglich ein aktueller Anlass für uns. Die Gelegenheit einen Ausgleich für den zeitlichen Aufwand zu schaffen, den die Studierenden für ihr soziales Engagements aufbringen. Also eigentlich haben wir hier zwei verschiedene Dinge – die Flüchtlingshilfe und die Einführung des Service Learning – aber die Kopplung bot sich für uns an.

GoBamberg.de: Man könnte Service Learning folglich auch in anderen Situationen einführen?

Kempgen: Richtig. Den Gedanken des Service Learnings gibt es schon lange. Eigentlich bedeutet das für die Studierenden nur, dass man aus ehrenamtlichem Einsatz in der Praxis lernt und dabei als Teil seines Curriculums ECTS-Punkte bekommt. Als Universität unterstützen wir diesen Gedanken und bieten das in strukturierter Form an. Das hatten wir bisher in Bamberg noch nicht. Jedes weitere Engagement ist selbstverständlich trotzdem erwünscht.

GoBamberg.de: Nun haben alle Studierende diese Ankündigung via Rundmail von Ihnen bekommen. Wer genau kann sich denn nun Punkte anrechnen lassen? Gibt es keine Einschränkungen?

Kempgen: Die Punkte können sich alle die eine derartige Komponente im Studium Generale haben anrechnen lassen. Das betrifft im Wesentlichen die Geistes- und Kulturwissenschaften. Aber es gibt für alle Studierenden das sogenannte Zusatzstudium. Das geht über die normale Punktzahl beim Bachelor und Master hinaus. Ich selbst kann zum Beispiel den Betriebswirtschaftlern nicht vorschreiben, dass sie Service Learning anrechnen müssen. Dennoch würde eine solche Leistung im Zusatzstudium im Transcript of Records auftauchen. Das beschreibt den aktuellen Stand. Meiner Mail an die Studierenden ging eine Nachricht an die Prüfungsausschüsse voraus, in der ich angeregt habe wohlwollend darüber nachzudenken, solche Anrechnungen in den Studiengängen selber vorzusehen. Das ist aber selbstverständlich ein längerfristiger Prozess und kann nicht einfach von “Oben” befohlen werden. Wenn jemand hierzu fragen hat oder wenn ein einzelner Prüfungsausschuss noch keine Entscheidung getroffen hat, können sich die Studierenden gerne bei mir melden.

GoBamberg.de: Welche Art von Leistung im Bereich der Flüchtlingshilfe reicht denn aus, um sie von der Universität anerkennen zu lassen?

Kempgen: Als Institution ziehen wir vor, strukturierte Programme standardmäßig mit ECTS-Punkten zu honorieren. Das würde bedeuten, wir suchen uns Kooperationspartner, die selber die Logistik vor Ort anbieten. Von der AWO gibt es zum Beispiel die Aktion ‘Lesefreunde’, bei der Freiwillige Deutschunterricht für Flüchtlinge und ausländische Familien geben. Auch das Sortieren von Kleidern kann dazugehören. Für die Universität ist es wichtig, dass ein glaubwürdiger Gegenpart existiert, der unterschreibt dass Student XY hat sich engagiert. Sollte sich ein neuer Verein oder Anbieter mit einem Angebot bei uns melden, müssten wir uns diesen ganz genau anschauen.
Im Bereich der Flüchtlingshilfe sind wir da sehr großzügig und würden jedes sinnvolle Engagement zertifizieren. Wenn wir langfristig das Service Learning anschauen, dann muss es zu den Qualifikationszielen der Studiengänge passen. Allgemein gilt die Regel, dass ein ECTS-Punkt 30 Stunden Arbeitseinsatz entspricht. Derzeit warten wir darauf, welche Ideen bei uns ankommen und müssen dann entscheiden, was davon wir am Ende anerkennen.

GoBamberg.de: Auf die erste Mail folgte eine zweite Nachricht an die Studierenden, in der Sie sich darauf bezogen, dass sich zahlreiche Freiwillige gemeldet haben. Welche Reaktionen gab es darauf?

Kempgen: Allgemein war die Reaktion ausgesprochen positiv. Ich habe einige Zuschriften von Studierenden erhalten, die sehr begeistert und stolz waren. Der O-Ton der Rückmeldungen war: “Ich bin stolz auf die Uni Bamberg, dass sie das unterstützt”. Außerdem haben sich zahlreiche Studenten bei dem Bamberger Verein “Freund statt Fremd” gemeldet, den wir in der ersten Mail als möglichen Partner angegeben hatten. Der Verein fühlte sich recht schnell überfordert, weil er so viele freiwillige Helfer auf einmal nicht gebrauchen konnte.

GoBamberg.de: Es ist denkbar, dass einige Leute jetzt damit anfangen, sich nur für die ECTS-Punkte sozial zu engagieren. Wie wollen sie diese Jagd auf Punkte eindämmen?

Kempgen: Aus unserer Sicht obliegt es den Kooperationspartnern der Uni, die Freiwilligen in ihre Tätigkeiten einzuweisen. Dabei würden unsere Partner ja bemerken, inwiefern die Leute aus eigener Motivation da sind oder es eben doch nur auf die ECTS-Punkte abgesehen haben. Sollten sich neue Partner bei uns melden, würden wir selbstverständlich intensiv prüfen, dass es sich um seriöse Angebote handelt. Tricksereien werden sicherlich nicht geduldet. Andererseits waren nicht alle potentiellen Partner von der Aktion überzeugt. Bei “Freund statt Fremd” gab es zum Beispiel solche Bedenken. Die wollten sich im Nachhinein nicht so gerne an ECTS-Punkten beteiligen. Das müssen sie aber auch nicht. Außerdem müssten sie ja auch nicht jeden nehmen, ähnlich wie Arbeitgeber. Es hat ja keiner einen Anspruch darauf, dort mitarbeiten zu können.

GoBamberg.de: In Ihrer Mail an die Studierenden hatten sie aber doch explizit “Freund statt Fremd” als Kooperationspartner angegeben. Was ist im Rahmen dieser Aktion schief gelaufen?

Kempgen: Das war ein schlichtes Missverständnis. Im Vorfeld war ich mit einem Ansprechpartner dieses Vereins im Gespräch. Dabei haben wir gemeinsam Hilfsmöglichkeiten erörtert – unter anderem die Möglichkeit des Service Learnings. Im Rahmen dieser Gespräche ist es zu dem Missverständnis gekommen, dass ich dachte, der gesamte Verein sei unserer Aktion gegenüber aufgeschlossen. Mittlerweile ist das Missverständnis aufgeklärt worden und wir haben einen neuen Weg gefunden, die vorhandene Hilfsbereitschaft zu kanalisieren. Wir schaffen jetzt selber Strukturen. Bezüglich “Freund statt Fremd” warten wir jetzt darauf, dass die Situation sich beruhigt. Dann werden wir ausloten, ob es vielleicht in einem anderen Zusammenhang beziehungsweise auf anderen Ebenen zu Kooperationsmöglichkeiten kommen kann. Aus unserer Sicht sind wir da vollkommen offen.

GoBamberg.de: Wie kann man sich diese Strukturen vorstellen?

Kempgen: Wir haben ja auch mit anderen Vereinen gesprochen. Caritas und AWO kann man da definitiv benennen. Auch BRK und andere wären aus unserer Sicht potentielle Partner. Und das THW hatte sich schon vor Monaten bei uns gemeldet. Die Uni selbst wird die Strukturen der Anrechnung im Bereich des Service Learnings anbieten. Ich selbst habe einen VC-Kurs eingerichtet in dem sich alle einschreiben können, die helfen möchten oder am Service Learning Programm teilnehmen wollen. In diesem VC-Kurs werden dann die aktuellen Angebote aufgelistet: Wo und bei wem ich mich melden kann, wenn ich helfen möchte. Das wäre in Zukunft die Plattform für alle, die bereits jetzt in der Flüchtlingshilfe aktiv sind oder nach einer Möglichkeit suchen, sich zu engagieren.

GoBamberg.de: Wird die Uni auch eigene Projekte starten, bei denen zum Beispiel Kurse aufgebaut werden, in denen Germanisten im Bereich “Deutsch als Fremdsprache” Deutschunterricht für Flüchtlinge anbieten?

Kempgen: Das wird es mit Sicherheit auch geben, aber nicht in zentralisierter Form. Wenn die Germanisten auf die angesprochene Weise helfen wollen, dann sollen die das gerne machen. Pädagogen helfen da auch schon lange. Wir haben jetzt auch ein eigenes spezielles Flüchtlingsprogramm in der Pipeline, so etwas kostet aber jede Menge Zeit und Geld. Ab 2016 erhalten wir hierfür Fördergelder vom Staat – dann kann es losgehen. Einen ersten Sprachkurs in diesem Sinne hatten wir ja schon, im November. Den haben wir mit Mitteln der Universität durchgeführt, um einschätzen zu können was wir brauchen und wie man am Besten helfen kann. Dort hatten wir zirka 25 Teilnehmer und das hat auch schon gut geklappt.

GoBamberg.de: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Kempgen: Gern geschehen.