Vergessene Worte: Maulaffen freihalten

Vom Hans Guck-in-die-Luft zum Gaffer ist es manchmal nicht weit. 

Und das tatenlose Herumstehen mit offenem Mund kann stören, im schlimmsten Falle sogar behindern oder gefährden. Für’s nächste Mal haben wir für Beobachter einer solchen Begebenheit den passenden Ausdruck parat, wenn sich gerade mal kein Vögelchen zum hereinfliegen findet.

Der Frühling ist da! Behende bahnt sich die Pflanzenwelt den Weg an Luft und Licht und beginnt in vollem Glanz zu erstrahlen. Der Spaziergang am Fluß entlang oder durch die Weiten des Hains bekommt eine frische, lebendigere Note und an jeder Ecke gibt es etwas zu erschauen. Die visuellen Freuden sind etwas Besonderes, doch heute liegt vielleicht vielmehr als noch vor einigen Jahrzehnten ein Flimmern von Überreizung in der Luft. Darüber hinaus ist natürlich nicht jedes Anschauen und Beschauen von gepflegter Intention geprägt.

Vor einigen Tagen sah sich die Polizei Hagen genötigt, in einem Facebook-Beitrag die Behinderung von Rettungsarbeiten durch sensationsgierige Menschen öffentlich zu brandmarken. Mit Smartphone und überproportioniertem Voyeurismus ausgerüstet, filmten einige munter, wie ein vom Auto angefahrenes Mädchen behandelt wurde. Die Gier, etwas Außergewöhnliches, etwas Schlimmes zu sehen, lässt bei manchen den Anstand gänzlich verschwinden. Dümmlich fasziniert herumstehen und “Maulaffen feilhalten” – eine Seltenheit ist es leider nicht.

Wer schon einmal einen Unfall, eine körperliche Auseinandersetzung oder Weiteres miterlebt hat, kennt solche Szenen. Autofahrer, die auf der anderen Autobahnseite langsamer fahren, um mit offenem Mund einen Blick auf das Unglück erhaschen zu können. Menschen, die mit der Handykamera bewaffnet Schlägereien, Streitigkeiten mit Ordnungskräften oder einen Wohnungsbrand filmen. Das sind die traurigen Auswüchse des vormals auch neckend gemeinten Ausspruchs “Maulaffen feilhalten”.

Der Mund ist zum Reden da

“Was stehst’n da so rum, pack ma’ lieber mit an!”, tja, eine Gartenlaube baut sich nicht von alleine und nicht, indem man mit offenem Mund dem Kreissägenvirtuosen zuschaut, anstatt an anderer Stelle mitzuhelfen. Der Ausdruck “Maulaffen feilhalten” meint ebendies: Herumstehen und nichts tun beziehungsweise, im zugespitzten Falle, zu gaffen. Ursprünglich kommt diese Redensart aus dem Mittelalter, als man mit “Maulaffen” manche Halterungen beschrieb, in die Kienspäne gesteckt wurden, um Licht zu spenden. Die Öffnungen dieser Halterungen hatten die Form von Mündern und teils wurden sogar Figuren aus Ton als Kienspanhalter verwendet, womit sich die Mundmetapher präzisieren ließ.

Später nahm man dann das Wort “Maulaffe” und bezeichnete damit kurzerhand Menschen, die staunend mit offenem Mund in der Gegend herumstanden. Das “feilhalten” wurde hinzugefügt, um klarzumachen, dass derjenige, der gaffend dasteht, gerade nichts anderes anzubieten hat, als sein dümmliches Gesicht. Und obwohl die “Maulaffen” durch bessere Geräte ersetzt wurden, hielt sich die Redewendung lange Zeit. Heute hört man sie nur noch selten und auch ein Verwandter ist im alltäglichen Sprachgebrauch nicht mehr so präsent: “Wie ein Ölgötze dastehen” hat nämlich in der selben Vorrichtung seinen Ursprung – einer Licht spendenen Apparatur aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit.

Wer also in Zukunft an einer Situation ähnlich der oben beschriebenen vorbeikommt, sollte sich nicht genieren, eine Aufforderung, etwas G’scheits zu machen, anstatt “Maulaffen freizuhalten” kundzutun.