Voll-Vegan mit Käferliedern – Ein Nachmittag mit Grundschullehrern

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An jeder Uni gibt es, wie auch in jedem Berufsfeld, Klischees. Jurastudenten sind streng und wissen immer alles besser, BWL-Stundenten sind Anzugträger ohne Humor, Philosophen haben eine ganze Weinhandlung im Keller und Lehramtsstudenten – Ja, was ist eigentlich mit denen? Unsere Autorin fand sich in einem unfreiwilligen Selbsttest mit Grundschullehrämtlern wieder.

wolkenhimmel-wolfgang

„Hier, nimm dir doch ein Seitansteak aus biologischem Anbau. Garantiert vegan. Die Avocadohirsegrillmarinade hab ich gestern selbstgemacht. Die ist auch vegan. Und lactosefrei. Und ohne Gluten.“ Entgeistert starre ich auf das weißliche Etwas, das am ehesten noch an einen stark deformierten Toast erinnert, mit dem mir das Mädchen mit dem blondem Zopf das vor mir steht, wild unter der Nase herumfuchtelt.

Ich bin zwar selbst schon so lange Vegetarierin, dass ich ein Tofuwürstchen geschmacklich nicht von einer echten Nürnberger Rostbratwurst unterscheiden kann, aber irgendwann ist dann doch Schluss mit lustig. Avocado was? „Das heißt wie bitte.“ Die Blondgezopfte lächelt mich zuckersüß an und klatscht mir noch eine extra Portion garantiert vegane Avocadopampe auf den Pappteller. Dann rückt sie ihr Haarband zurecht und sucht sich das nächste Opfer für ihre glutenfreie Eigenkreation.

Wer trägt heutzutage bitte überhaupt noch Haarbänder? Die Antwort ist ziemlich simpel: Grundschullehramtsstudenten.

Sellerieschnitzel und Käferlieder

Unglücklicherweise bin ich die einzige auf der knallbunten Picknickdecke, die sich in ihrem Studium nicht damit auseinandersetzt wie man Kevin und Jacqueline am pädagogisch sinnvollsten das Ein mal Eins beibringt. Übrigens ist nicht nur die Decke knallbunt. Ebenso die Pappbecher, die Pappteller, die Strohhalme und die zahlreichen Tupperdosen mit diversen selbstgemachten kulinarischen Highlights wie Sellerieschnitzel in Elefantenform.

Als mich eine eher entfernte Freundin an diesem Morgen recht spontan zu einer Grillparty mit ihren Kommilitonen eingeladen hatte, dachte ich noch, dass das doch ziemlich lustig werden könnte. Dabei hatte ich noch nicht bedacht, dass die Kommilitonen dieser Freundin zwangsläufig alle dasselbe studieren wie sie: Grundschullehramt. Und dass ich nicht mal eine Stunde nach meiner Ankunft auf der Grillparty bereits die musikalische Vertonung der Geschichte des Käfers Karl mittels Händeklatschen begleiten muss.

Wenn es einen Studiengang gibt, der all seine Klischees erschöpfend erfüllt, dann ist es Grundschullehramt. Zwar tun die Grundschullehrämtler dies auf eine wesentlich sympathischere Weise als zum Beispiel Jura Studenten aber sie tun es.

Kaffee und Kuchen statt Bier

Grundschullehramtsstudenten sehen bereits im ersten Semester aus wie fertige Lehrer. Sie tragen knallbunte Outfits, bei denen grundsätzlich mindestens ein Teil gepunktet ist, schleppen in ihrer braunen Oldschoolmappe mindestens fünf Astrid Lindgren Bücher und zuckerfreie Bonbons für „ihre“ Kinder aus dem studienbegleitenden Praktikum herum und schenken dir zum Geburtstag prinzipiell etwas Selbstgemachtes. Davor korrigieren sie aber noch schnell deine WhatsApp Nachricht auf Rechtschreibfehler. Jeder von ihnen hat ein größeres Repertoire an Kinderliedern als Rolf Zuckowski und auch kein Problem damit dieses in jeder Lebenslage zum Besten zu geben.

Grundschullehrämtler treffen sich nicht auf ein Bier auf der unteren Brücke sondern zu Kaffee und Kuchen – garantiert selbstgebacken. Und wenn dann schon mal alle am Küchentisch versammelt sind, kann man ja gleich noch die neue Bastelidee aus dem Weihnachtskatalog ausprobieren. Alles für die Kinder, die grundsätzlich ganz entzückend und so begabt sind, auch wenn sie eigentlich Jeremy-Pascal heißen und den angehenden Superlehrern jede Praktikumsstunde aufs Neue einen ganzen Schimpfwortkatalog an den Kopf werfen.

Das Studium ist heilig

Trotz meines anfänglichen Entsetzens über Seitanschnitzel und Käferlieder zum Mitklatschen wird der Abend noch ziemlich lustig. Die Besitzerin der glutenfreien Grillmarinade streift irgendwann ihr Haarband ab und schenkt mir immer wieder großzügig Rotwein in meinen bunt gepunkteten Pappbecher. Nach dem dritten Becher bin ich bereit ihr großmütig die kulinarische Vergewaltigung von Avocado zu verzeihen und hole den Tequila aus meiner Tasche.

Daraufhin lehnt sie aber dankend ab: „Oh nein auf keinen Fall. Ich muss morgen früh raus und nochmal die Mathestunde für meine Kinder durchgehen.“

Eines kann man Grundschullehramtsstudenten wirklich nicht vorwerfen: Dass sie ihr Studium nicht ernst nehmen.