Die Frage die GoBamberg Autorin Larissa Günther letztes Jahr wohl am häufigsten gestellt wurde, lautet: „Wo bist du eigentlich gerade?“ 2015 hat sie 14 verschiedene Länder bereist, stand auf einem Gletscher, dem Empire State Building und mitten in der Wüste. Ein Jahresrückblick voller Postkartenmotiven, Flugtickets und Abenteuern.

Als wir am 22. Dezember im strömenden Regen auf der Autobahn das blaue Schild passieren, das uns in Dänemark begrüßt, wir mir schlagartig bewusst, dass Dänemark das vierzehnte Land ist in dem ich mich in diesem Jahr befinde. Und als mich mein Freund, der mit mir die letzte Woche in einem abenteuerlichen Roadtrip halb Schweden durchquert hat, ein bisschen seltsam von der Seite anschaut nachdem ich ihm diese Erkenntnis mitgeteilt habe, wir mir auch bewusst, dass das eigentlich nicht so selbstverständlich ist. Auch nicht für eine 22 Jährige Geschichtestudentin, die sowieso nichts Besseres zu tun hat.

Zugebenermaßen habe ich von Dänemark nicht sonderlich viel mehr gesehen als nasse Wiesen mit noch nässeren Kühen darauf und ein bisschen graue Ostsee. Dafür habe ich von den anderen Ländern umso mehr gesehen.

Ich habe in Marokko Kamele gestreichelt, in einer heißen Quelle auf Island gebadet, viel zu viel irischen Whisky in einem Pub in Dublin getrunken und die obligatorischen Touristenselfies von mir vor der Skyline von Manhattan geschossen. Ich habe eine Fata Morgana in Afrika gesehen, Elche in Schweden und einen echten Van Gogh in Amsterdam. Und all das in nicht mal 12 Monaten.
Dabei hatte ich das eigentlich gar nicht vor. Ich hatte nie geplant eine halbe Weltreise zu machen und ich hatte ganz sicher nicht geplant, dass das Flugzeug, das mich am 17. Dezember nach Oslo bringt, das 19. Flugzeug ist, in das ich in diesem Jahr einsteige. Es ist einfach so passiert.

Alles fängt damit an, dass mir mein Freund an einem kalten Januarmorgen in Bamberg, als wir beide in der Unibib sitzen und eigentlich für unsere Klausuren lernen sollten, einen Zettel zuschiebt. Es ist ein Flugangebot: Oslo – New York, hin und zurück für gerade mal 300 Euro. Das Angebot ist unschlagbar. Wir wohnen zwar nicht in Oslo sondern in Bamberg, aber das interessiert uns wenig als wir eine Woche später ziemlich euphorisch den Flug buchen. Das kann man ja gleich mit einem Abstecher nach Norwegen verbinden.

Ich bin davor zwar auch schon gerne gereist, war aber tatsächlich bis zu diesem Jahr noch nie außerhalb Europas. Dass ich zum Zeitpunkt unserer New York Reise überhaupt einen gültigen Reisepass besitze ist nur der Tatsache zu verdanken, dass ich schon vor Monaten mit meiner besten Freundin für Ende Februar eine Marokko Reise gebucht habe. Die Woche Marokko sollte eigentlich nur als Belohnung und Entspannung nach der Klausuren Phase gedacht sein, nicht als Auftakt des Trips der mir noch bevorsteht.

Während im Februar der Nebel über Bamberg hängt, stürze ich mich also in Marokko bei knapp 25 Grad auf einem Surfbrett in die Wellen des Atlantiks. Ich trinke Unmengen zuckersüßen marokkanischen Minztee, schlendere im Sommerkleid an Kamelen und überladenen, knallbunten Basarständen vorbei und springe in einem palmenbewachsenen Tal, das zwischen den kargen und felsigen Ausläufern des Atlasgebirges liegt und passenderweise den Namen „Paradise Valley“ trägt, von einer 10 Meter hohen Klippe ins kristallklare Wasser.

Nicht mal zwei Wochen später stehe ich dick eingemummelt in Parka und Schal auf dem hell beleuchteten Times Square und kann es fast nicht glauben wie riesig alles in New York ist. Die Anreise nach New York – wir starten an einem Mittwochmorgen um 4 in Bamberg, fliegen von Berlin nach Oslo und schließlich nach einer ziemlich schlaflosen Nacht am Flughafen von Oslo am Freitagmorgen nach New York, wo wir Freitagnacht um 2 endlich in unserem Appartement in Brooklyn ankommen – lässt mich zwar etwas an den Flugangeboten der Lufthansa zweifeln, doch der nächtliche Ausblick vom Empire State Building auf die Millionen Lichter einer Stadt, die nie zu schlafen scheint, entschädigen uns für alle Reisestrapazen. Weil wir dank unserem Supersonderangebot auch wieder über Norwegen zurückfliegen schauen wir uns noch drei Tage Oslo an. Der Jetlag ist bei der besten heißen Schokolade der Welt in einem gemütlichen Café in Oslos Hipsterviertel Grünerlokka auch schnell vergessen. Zwischen Marokko und New York mache ich mit drei Freunden noch schnell einen Abstecher nach Amsterdam. Weil es sich gerade so angeboten hat und weil Amsterdam ja gar nicht so weit weg ist.

Pünktlich zu Beginn des Sommersemesters bin ich zwar wieder zurück in Bamberg und gehe brav wieder in die Uni, doch irgendwie lässt mich das Reisefieber nicht mehr los. An der Supermarktkasse rechne ich meine Alltagsausgaben in Flugtickets um und Google schlägt mir sowieso nur noch Reiseangebote vor.

Relativ spontan beschließe ich im Wintersemester nicht in Bamberg zu bleiben. Stattdessen nehme ich mir ein Urlaubssemester und packe meine Koffer. Ende August überquere ich die Grenzen Österreichs und Italiens im Zuge einer Alpenüberquerung zu Fuß. Im wunderschönen Meran genieße ich echte italienische Pizza und das überwältigende Gefühl die Alpen zu Fuß überquert zu haben.
Um meine Füße von diesen Strapazen zu erholen bleibt allerdings keine Zeit. Keine Woche später klettere ich damit auf den Lavarückständen des isländischen Vulkanes Hekla herum, bewundere Geysire, riesige Wasserfälle und Papageientaucher und muss mit Entsetzen feststellen, dass das Bier auf Island umgerechnet knapp sieben Euro kostet.

Am folgenden Mittwoch fliege ich – dieses Mal ohne Winterjacke und Thermoleggins im Gepäck – in genau die entgegengesetzte Richtung. Und erlebe erstmal einen Temperaturschock. Auf Sal, einer winzigen Insel vor der Westküste Afrikas, hat es konstant über 30 Grad. Und endlos lange weiße Sandstrände vor türkisblauem Meer. Eine Woche lang genieße ich Cocktails vor der Traumkulisse und hege ernsthafte Niederlassungspläne. Erst eine Jeepsafari über die Insel holt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Sal besteht fast nur aus kargem Wüstenboden, der zwar beeindruckend aussieht aber nicht wirklich geeignet ist für den Anbau von irgendetwas Essbaren. Abseits von den schicken Hotelanlagen leben die Menschen hier in verfallenen Hütten meistens sogar ohne Dach – auf Sal regnet es maximal drei Tage im Jahr und wer kein Dach hat muss auch keine Steuern für sein Haus zahlen.

Regen gibt es auf Irland, das ich kurze Zeit später besuche, umso mehr. Und jede Menge Pubs mit Livemusik. Egal wie klein das Dorf ist: Pub und Kirche gibt es immer, erklärt mir ein Ire beim abendlichen Guinness. Auf Irland staune ich nicht nur über schroff abfallende Klippen und unheimliche alte Burgruinen sondern auch über die unglaubliche Offenheit und Hilfsbereitschaft der Bewohner dieser grünen Insel. Als ich eines Nachts mitten im Nichts strande, fährt mich ein älterer Mann über 80 Kilometer weit bis direkt vor meine Hosteltür. Er begleitet mich sogar noch bis zur Rezeption, nur um sicher zu gehen, dass ich dort gut aufgehoben bin.

Mein Norwegentrip direkt nach Irland wird ebenfalls nicht so luxuriös und sommerlich wie mein kurzer Besuch in afrikanischen Gefilden. Auf dem Weg zum Geirangerfjord, dem größten Fjord Norwegens, schlafen wir bei knapp über 0 Grad im Auto und ernähren uns von Knäckebrot. Auf dem Rückweg vorbei an unzähligen Märchenwäldern, Seen und kleinen roten Holzhäusern beginnt es schließlich zu schneien.

Auch in Prag, dem ich Ende November, einen Besuch abstatte schneit es. Meine Schwester, die mich dieses Mal begleitet, und mich stört das aber wenig. Es passt zum wunderschönen mittelalterlichen Stadtkern der tschechischen Hauptstadt, die an jeder Ecke einen Weihnachtsmarkt zu haben scheint. Wir wärmen uns mit jede Menge Glühwein, steigen zur nächtlichen Stunde auf Absinth um und landen schließlich im Prager Sexmuseum. Das ist allerdings eher ziemlich bizarr als sexy.

Schweden ist schließlich mein letzter Trip für dieses Jahr. Hier gibt es keine Sexmuseen, keine Karibikcocktails oder hell erleuchtete Skylines. Dafür umso mehr Natur. Wir übernachten in einem echten Pippi Langstrumpf Haus und einem Hausboot, bestaunen alte Wikingersteine und schlittern über zugefrorene Seen. Als ich schließlich auch noch einen richtigen Elch – leider nur im Elchpark und nicht in ganz freier Wildbahn – mit Äpfeln füttern darf ist mein Schwedenerlebnis perfekt.

Und wir auf dem Weg Richtung Heimat auf der dänischen Autobahn. Im strömenden Regen.

Nach 14 Ländern, über 54.000 zurückgelegten Kilometern, unzähligen neuen Bekanntschaften und noch mehr Abenteuern werde ich Weihnachten ganz einfach mal zuhause verbringen.

Was ich danach mache? Koffer packen.