Thomas Beckmann – Kämpfer gegen die Kälte

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Am Donnerstag, den 27. März, ist es soweit. Der international bekannte Düsseldorfer Cellist Thomas Beckmann kommt um 19 Uhr in die Erlöserkirche Bamberg. Dort gibt ein Benefizkonzert, dessen Erlös dem Bamberger Verein “Menschen in Not” zugute kommt. Doch wer ist dieser Mann mit dem Cello? GoBamberg-Redakteur Manuel Stark  hat Thomas Beckmann im Gespräch als Musiker, aber auch als Kämpfer kennengelernt.

Vor dem Düsseldorfer Rathaus sitzt ein Mann in abgetragenen Klamotten am Boden. Zitternd reckt er einen leerten Plastikbecher in die eisige Winterluft, als ein Passant mit seinem fünfjährigen Sohn am Rathaus vorbeikommt. „Papa, was ist das für ein Mann?“, fragt der Fünfjährige seinen Vater neugierig. „Und wieso sitzt der hier? Wer kümmert sich denn um den?“ Sein Vater lässt 50 Pfennig in den Becher fallen und seufzt „Ein armer Mann. Der Staat kümmert sich um ihn.“ Dieses Wort ist für den Jungen neu. „Aber Papa, was ist denn der Staat?“, fragt er. „Wir alle“, antwortet sein Vater und führt ihn aus der Kälte, in das warme Rathaus.

41 Jahre später ist der Junge international berühmt. Als Musiker spielt er sich mit den Klängen seines Cellos in die Herzen seiner Zuhörer. Die 50 Pfennig hat er fast vergessen. Bis er an einem harten Wintertag des Jahres 1993 die Zeitung aufschlägt: Zwei Frauen sind in der Düsseldorfer Innenstadt, im Eingang eines Schuhgeschäfts, erfroren. Sie waren Obdachlose. Das ist der Moment, in dem Thomas Beckmann schwört, sich für die Menschen einzusetzen, die nicht wissen wohin.

Durch Kältetot erschüttert

„Tausende Menschen gingen damals einfach vorbei. Ignorierten die zitternden Frauen mit den dünnen Hemdchen, die im Eingang des Geschäfts lagen. Dass so etwas passieren kann, ist für mich unbegreiflich“, sagt er heute. Die Vergangenheit kann Thomas Beckmann nicht mehr ändern, die Zukunft hingegen schon. Durch den Kältetod der beiden Frauen erschüttert, ruft er noch im selben Jahr die regionale Hilfsaktion „Schlafsack für Obdachlose“ ins Leben. Unterstützt wird er dabei von der katholischen und evangelischen Kirche, sowie der Düsseldorfer Stadtverwaltung.
Aus der Aktion geht im Jahr 1996 das bundesweite Projekt „Gemeinsam gegen Kälte“ hervor.

Foto: Monika König
Foto: Monika König

Im Zuge dieses Projekts spielt Beckmann hunderte Benefizkonzerte in mehreren Ländern. Immer wieder wird er gefragt, wieso er das alles auf sich nehme. Die Obdachlosen hätten ihre Situation doch selbst zu verantworten und würden sich ohnehin niemals der Gesellschaft anpassen.

„Wir sollten nicht versuchen, andere Menschen nach unserem Willen zu formen, sondern akzeptieren, wer sie sind“, sagt Beckmann. „Ich habe während meines Studiums auch nicht zehn Stunden pro Tag am Cello geübt, um mich anzupassen. Ich wollte herausstechen.“

Das hat der heute 56-Jährige im Laufe seines Lebens schon mehrfach geschafft. Neben unzähligen Verdienstorden wurde Thomas Beckmann mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Zu Gast im Vatikan

Sein soziales Engagement brachten ihn, gemeinsam mit seiner Mutter, auch schon zu Papst Franziskus in den Vatikan. „Das war ein unglaubliches und schönes Erlebnis. Franziskus hat mein Projekt als ‘glaubhafte Bewegung für eine bessere Welt’ bezeichnet. Das hat mich geehrt“, erzählt der Künstler.

Auch sein Vater war mit in Rom, „so wie er überall dabei ist. In meinem Herzen und Wirken.“ Mit 50 Pfennig legte er den Grundstein für Thomas Beckmanns soziales Engagement, durch den Konzertbesuch eines Streichquartetts den, für dessen musisches Schaffen. „Der Klang der tiefen Töne des Cellos, das fand ich schon damals, als sieben-jähriger Junge, toll. Seitdem wollte ich Musiker werden.“ Eine Neigung, die der Familientradition der Beckmanns entspricht.

Einen Geiger und einen Pianisten hat Thomas Beckmann zum Bruder, und schon sein Urgroßvater war Trompeter im Heer des deutschen Kaisers. „Meine Familie versteht: Mein Herz gehört dem Cello“, erzählt Beckmann.

Seinen internationalen Erfolg möchte Thomas Beckmann nutzen, um mit seiner Musik auf die Gesellschaft zu wirken. „Es kann einfach nicht sein, dass jemand frierend am Boden liegt und niemanden interessiert es“, sagt er. Deswegen macht er weiter, gibt Benefizkonzerte, wirbt, spendet Geld. Auch für Hilfsorganisationen, die nicht mit seinem Projekt zusammenhängen. So kommt der Erlös seines Konzerts, am 27. März in der Erlöserkirche, der Bamberger Hilfsorganisation „Menschen in Not“ zu.

Schritt für Schritt hofft er so, seinem bedeutendsten Ziel ein Stück näher zu kommen. „Mein größter Wunsch ist, dass mein Projekt und seine Idee die Zeit und auch mein Ableben überdauern. Denn Obdachlosigkeit – So Etwas darf es eigentlich nicht geben“