Massenmord – Bambergs unliebsame Geschichte zur Hexenverfolgung

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Malefiz Haus Bamberg
Malefiz Haus Bamberg

Verfolgung, Folter und Hinrichtung waren um das Jahr 1629 Teil des täglichen Lebens in der Stadt, die heute stolz den Titel eines UNESCO-Weltkulturerbes trägt. Mit den schönen Teilen der Geschichte wird in Bamberg Geschäft gemacht. Über die grausamen Zeiten der Hexenverfolgung und deren tausende Opfer hingegen wird größtenteils geschwiegen.

Auch die Verantwortung für die Rehabilitation der damals Verurteilten wird von sich gewiesen. Gegen solch ein Verhalten rührt sich nun Widerstand. Plattformen wie das Online-Portal „Hexenbrenner“ kämpfen dafür, dass die Schicksale der Menschen dieser Zeit wieder Eingang in das öffentliche Bewusstsein finden.

Der Tag des offenen Denkmals 2013 war eine wichtige Plattform für dieses Ziel. Unter dem Motto „Unbequeme Denkmäler“ informierten sich mehr als 1000 Besucher über das wohl unliebste Geschichtsthema Bambergs – Das Grauen der Hexenverfolgung unter dem Fürstbischof Johann Georg II, Fuchs von Dornheim. Schon zu seiner Regierungszeit war dieser als „der Hexenbrenner“ weit bekannt. Während der schlimmsten Zeiten loderten jeden Sonntag Feuer in der Stadt, verloren jeden Feiertag mehrere Menschen ihr Leben in den Flammen der kirchlichen Scheiterhaufen.

Niemand war sicher

Erst einmal ins Visier der Inquisition geraten konnten weder Macht, noch Geld oder Einfluss das Schicksal eines Menschen abwenden. Ob reicher Händler oder hoher städtischer Würdenträger, den Folterknechten war es gleich, wen sie da marterten. Besitztümer und große Bekanntheit verschlimmerten das Risiko als Hexe oder Hexer benannt zu werden sogar noch. Ein jedes Opfer musste vor seinem eigenen Tod mindestens eine weitere Person beschuldigen, als Komplize beim „bösen und unheiligen Tun“ beteiligt gewesen zu sein.

1628 war Johannes Junius Bürgermeister von Bamberg. Am 24. Juli schreibt er voller Verzweiflung einen Brief an seine Tochter, in der er seine Unschuld beteuert:

Zu viel hundert tausend guter Nacht, hertzliebe Dochter Veronica. Unschuldig bin ich in das Gefengnus kommen, unschuldig bin ich germartert worden, unschuldig muß ich sterben. Dan wer in das Hauß kompt, der muß ein Drutner werden oder wirdt so lang gemartert, biß er etwas auß seinem Kopf erdachts weiß und sich erst, das Got erbarme, uf etwas bedencke.

Angebliche Hexen und Zauberer wurden damals als Druden bezeichnet. Mit der Inhaftierung verloren die Angeklagten all ihren Besitz und wurden gezwungen ein Druden-Gewand anzulegen, das im wesentlichen aus aneinander genähten Lumpen bestand. Junius selbst wurde kurze Zeit später enthauptet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sein Brief wurde vermutlich niemals zugestellt und die Tochter bald darauf selbst der Hexerei angeklagt.

Trügerische Schönheit

Doch eine Stelle im Brief des Bürgermeisters an seine Tochter sticht besonders ins Auge. Von einem bestimmten Haus ist die Rede, in dem die Gefangenen so lange gefoltert werden, bis sie ihre angeblichen Hexereien und Verbrechen gestehen. Dieses Haus ist heutzutage nicht mehr in Bamberg zu finden. Aus seinen Steinen wurde in späterer Zeit ein Klostergebäude gebaut, aus dessen Abriss wiederum das Baumaterial für das heutige Clavius-Gymnasium gewonnen wurde.

Doch um welches Bauwerk handelt es sich? Bekannt war es zu seiner Zeit unter dem Namen „Malefiz Haus“. Von außen strotzte es vor Prunk. Verschiedenste geometrische Kunstformen waren in die Fassade gearbeitet. Die Tür zierten christliche Symbole und goldene Lettern prangten über dem Haupttor. Den Fixstern des architektonischen Ensembles bildete die fein gearbeitete Statue der Justitia mit Schwert und Waage wachte über dem Eingang.
Inmitten der Stadt Bamberg gelegen schirmten extra erbaute Mauern und Wälle aus Fachwerk den Blick der Nachbarn und nahen Anwohner vom Gelände ab. Die Bürger sollten nicht zu sehen bekommen, was dort mit den Verurteilten geschah. Oft waren die dort eingekerkerten schließlich Nachbarn, Bekannte, Freunde oder Verwandten.

Ein Ort des Grauens

So schön das Malefiz Haus von außen war, so erschreckend war sein Inneres. In den Gefängniszellen war es stickig und stank nach Urin. Genug Trinkwasser bekamen die Häftlinge selten und sich zu waschen war ein undenkbarer Luxus, der nur den Wenigsten zuteil wurde. Tagsüber wurden die Gefangenen unter dem prüfenden Blick und den bohrenden Fragen der Geistlichen malträtiert.
Ob Streckbank, Peitschenhiebe, Nadelzelle, Daumenschrauben oder anderes Instrument, alle Mittel waren heilig wenn es darum ging, einen bereits verurteilten Druden zum Gestehen zu bewegen. Nachts endlich gingen die Kirchenmänner. Doch anstelle von Linderung erwartete die Opfer lediglich eine andere Art der Qual, denn jetzt herrschten die Folterknechte.

Die Gefangenen waren der Willkür ihrer Peiniger somit völlig unterworfen. Vergewaltigungen der oftmals blutjungen Frauen waren normal. Angst vor den Hexenkünsten der Beschuldigten hatten die Peiniger nicht, denn diese Furcht war selbst zu den schlimmsten Zeiten der Hexenverfolgung unter dem einfachen Volk kaum verbreitet.
In den kirchlichen Adelskreisen hingegen zog die Angst vor Übernatürlichem weite Kreise. Die Gefangenen verließen das Malefiz Haus nur aus einem Grund. Sobald sie nach ihrem Geständnis zur Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen gekarrt wurden. Selbst gehen konnten die Opfer nicht mehr. Den einzigen Kraftakt, zu dem sie nach wochenlanger Folter im Malefiz Haus noch fähig waren, bildete ein langes zucken und schreien, als das Holz und Pech unter ihren Füßen entzündet wurde.

Die heiligen Feuer töteten langsam – aber bestimmt. So wurden im Zuge der Hexenverfolgung in der Stadt Bamberg mehr als dreimal so viele Menschen ermordet wie in ganz Spanien, das ja für die Härte seiner heiligen Inquisition berühmt war. In Bamberg und Würzburg zusammen fanden somit fast zehn Prozent der wegen Hexerei verurteilten Menschen in Europa den Tod.