Knietief im Blut – Hexenwahn in Bamberg

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Bamberg 17. JahrhundertEs liegt in der Natur unserer empathischen Gefühlswelt, dass wir echtes Mitleid mit den etwa 1000 unschuldigen Opfern fühlen, die damals in die kranken Mühlen des christlichen Hexenwahns gerieten. Da leistet die Romanverfilmung von Sabine Weigand perfekte Arbeit, denn bis dato waren HEXEN wohl für die meisten Menschen unserer modernen Gesellschaft eher mystische Fantasiefiguren aus der Feder der Gebrüder Grimm und anderer Autoren. Erst jetzt sahen viele Bamberger, welcher brutale Irrsinn sich wirklich im siebzehnten Jahrhundert innerhalb der Mauern unserer idyllischen Stadt ereignet hat.

Eine mir unbekannte Dame, die ich 2013 dort getroffen habe, sprach nach der Lektüre des Romans „Seelen im Feuer“ einen symbolischen Satz aus: Ich sehe Bamberg jetzt mit ganz anderen Augen. Nebenbei bemerkt, ist der Roman von Frau Weigand noch einen ganzen Zacken besser als die aktuelle Verfilmung (noch bis zum 9. März in der ZDF Mediathek) – trotzdem hat mir der Film sehr gut gefallen.

Bamberg als Spitze Europas

Europaweit existierten zur Zeit der Hexenverfolgungen die widerlichsten Auswüchse menschenverachtender Foltermethoden. Was viele nicht wissen: die Bamberger Folterknechte legten noch ein paar eigene Perversionen „oben drauf“. Doch „das Reißen der nackten Brüste mit glühenden Zangen“ (bis zu 15 Mal), das „Brennen mit der Schwefelfeder“ oder auch das Abbrennen des Haupthaares mit Alkohol sind mit Sicherheit zu abartig, um sie im Fernsehen zu zeigen. Trotzdem sind all diese Brutalitäten in drei lokalen Archiven schriftlich gesichert und leider genauso real, wie der berühmte Junius-Brief, def bereits im Jahr 2008 öffentlich auf der Website Hexenbrenner präsentiert wurde.

Das ZDF hat großen Mut bewiesen, dieses unbequeme und unschöne Thema zur Primetime zu senden, auch wenn es an der nachfolgenden Dokumentation noch immer einige Details zu berichtigen gibt.

Dennoch: „Seelen im Feuer“ lässt bei vielen Menschen die Frage aufkommen: Warum wurde dieser offensichtliche Einschnitt der städtischen Historie erst im Jahr 2013 verfilmt und warum wusste bis zum Jahr 2008 noch nicht einmal die Bamberger Bürgerschaft, was für ein einmaliger und abscheulicher Massenmord sich in den Mauern ihrer Stadt abgespielt hat? Wie konnten diese abartigen Verbrechen so lange unbekannt bleiben, in einem Welterbe?

Hexenbrenner setzt sich ein

Bereits im Jahr 2008 präsentierte das Hexenbrenner-Team für die Deutsche Stiftung Denkmalsschutz das Malefizhaus am „Tag des offenen Denkmals“ vor etwa 450 Besuchern.

Bis heute haben wir niemals aufgegeben, die Schrecken der Vergangenheit den Menschen im Jetzt näher zu bringen. Es geht uns insbesondere um die Ehre und die moralisch-ethische Rehabilitation der unschuldigen Opfer, die man in Bamberg bereits zwei Mal im Kultursenat abgeschmettert hat. Dafür werden im Welterbe zweifelhafte Bauvorhaben abgewickelt, bei denen – schwuppdiwupp – zwölf laufende Meter der alten historischen Sandstein-Stadtmauer abgetragen werden (Zentralsaal-Neubau). Wie war das gleich mit dem UNESCO-WELT-KULTURERBE?

Die einzigartige Ikone des lokalen Hexenwahns war zweifellos der prunkvolle Neubau mit Namen Malefizhaus. Das Phänomen der Verfolgung hatte ganz Europa wie ein Virus verseucht, doch nur im Hochstift von Bamberg wurden die Hexen derart kreativ mit einer damals hochmodernen Tötungs- und Foltermaschinerie „abgearbeitet“.

Gerade deshalb war der ZDF-Thementag ein sehr erfreuliches Ereignis für mich, mein kleines Team vom Hexenbrenner und all die Menschen, die uns auf dem langen Weg aktiv seit 2008 begleitet und unterstützt haben.

Hexenwahn genau dokumentiert

Zur Dokumentation HEXENWAHN hätte ich dann noch Folgendes anzumerken:

1. Der 14-jährige Hänschen Morhaubt wurde im Jahr 1627 verbrannt – bis zu diesem Zeitpunkt hatte man in Bamberg und Zeil bereits mehr als 500 Menschen zur „Seelenreinigung ins Feuer“ geschickt. Die Verbrennungen fingen also auf keinen Fall mit seinem Tode an. Die erste „Bamberger Hexe“ wurde bereits im Jahr 1595 vor Ort verbrannt (Margareta Böhmerin) – und nicht, wie behauptet, in Zeil. Insgesamt wurden in Zeil am Main etwa 400, in Bamberg hingegen etwa 600 Hexen verbrannt. Zeil war eine Art „Vernichtungslager“ von Bamberg.

2. Ganz so abhängig, wie dargestellt, war der Fuchs von Dornheim nicht von seinem Generalvikar Förner. Zehn Tage nach dessen Tod, am 5. Dezember 1630, wurde in Bamberg und Zeil noch immer jeweils eine Hexe verbrannt.

3. Es ist richtig, dass der kaiserliche RHR in Wien die Prozesse in Bamberg am liebsten beenden wollte. Allein, dem Hexenbrenner Fuchs von Dornheim war das anscheinend ziemlich egal. Zuerst ließ er einen Großteil der von Wien angeforderten Prozessakten „neu schreiben“, was durch wissenschaftliche Tintenanalysen bestätigt werden konnte. Er wusste er ganz genau, dass ihm „nichts Großartiges“ passieren konnte – schließlich war Krieg im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und Fuchs von Dornheim stellte dem kaiserlichen Heer eine große Menge Truppen zur Verfügung. Die letzten zehn Insassen des Malefizhauses wurden erst am Tag vor dem Einmarsch der schwedischen Armee im Februar 1632 aus dem berüchtigten Hexengefängnis entlassen. Am selben Tag flüchtete der Hexenbischof über Forchheim nach Wien und Kärnten – unter Mitnahme des gesamten Domschatzes.

4. Die Opferzahlen, die Herr Professor Behringer seit Jahren publiziert, sind spätestens seit der letzten Wiederentdeckung der „Flamersheimer Hexenprotokolle“ vor wenigen Monaten in den USA leider veraltet und damit falsch. Seit diesem Fund spricht selbst die katholische Kirche von mindestens 60 000 Opfern, die es alleine in Deutschland gegeben haben soll!Hexenmahnmal Bamberg

5. Bei der Auswahl der präsentierten Opferschicksale habe ich meine Probleme, denn selbst wenn die Episode der geschundenen Wirtin Barbara Schwarz wirklich dramatisch und einzigartig ist, so ist ihre Gewichtung im Vergleich zu dem Mord am höchsten deutschen Beamten – dem Kanzler Dr. Georg Haan – marginal. Der Kanzler und seine gesamte Familie wurden nacheinander und in kurzer Zeit verbrannt, ihr Grundstück konfisziert. Damit war selbst für den letzten Bamberger Bürger ersichtlich, dass es keinerlei Grenzen mehr für die Hexenkommissare gab

6. Ich habe erst mehrere Journalisten gefragt, ob ich dieses Problem etwas „zu eng sehe“, aber man hat mich durchaus positiv bestärkt und so stelle ich ganz einfach folgende öffentliche Frage: Wie sehen es die Leser dieses Blogs, wenn es das ZDF, als eines der wichtigsten Deutschen Leitmedien, ablehnt (ich habe zweimal freundlich schriftlich interveniert), den Verbrennungsofen in Zeil am Main, der zweifelsfrei existiert und Anwendung fand, im Rahmen der gestern Abend gesendeten Dokumentation zu präsentieren? In jedem anderen Land der Welt würde ich nonchalant über diesen kleinen Fauxpas hinwegsehen, aber als Deutscher habe ich im Zusammenhang mit Verbrennungsöfen und Vernichtungslagern (nichts anderes passierte in Zeil) einen seltsamen Nachgeschmack auf der Zunge. Auf diesen habe ich meine Vertragspartner beim ZDF selbstverständlich schriftlich und mit Nachdruck schon im Vorfeld der Doku-Ausstrahlung hingewiesen.

Wofür würden Sie sich entscheiden?

Eines noch. Stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie müssten sich unter folgenden imaginären Szenarien für Eines zwingend entscheiden: Sie wären dann wahlweise ein Gefangener von GESTAPO, IS, CIA oder der katholischen Inquisition und warten auf ihre bevorstehende Hinrichtung nach „Art des Hauses“.

Also ich wüsste genau, für welche Option ich mich nicht entscheiden würde – und Sie?

4 Kommentare

  1. Wie fadenscheinig lässt sich eigentlich Empathie heucheln?
    Niemand scheint es besser zu beherrschen als Ralph Kloos, wenn er vorgibt, für die Rehabilitation der damaligen Opfer zu streiten, ihm es in Wirklichkeit lediglich darum geht, offene Rechnungen der “Gegenwart” zu begleichen. Es gab und gibt kein Vertuschen der Thematik, wie gerne von ihm unterstellt wird. Wer sich für das Thema interessiert, hat immer Informationsquellen auffinden können. Einer aus Eigennutz geborenen Initiative, die keine zehn Jahre zeichnet, ist jedenfalls diesbezüglich nichts zu verdanken. Eigenlob zum Himmel stinkt!

    • Sehr geehrter Hanns,

      Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

      Über die Gründe, die Herrn Ralph Kloos dazu bewogen haben, die Initiative Hexenbrenner zu gründen, kursieren anscheinend verschiedene Ansichten. Wir, das Redaktionsteam von GoBamberg, glaubt an die Motivation und Hingabe des Autors, sich uneigennützig für die Aufklärung der Hexengeschichte Bambergs einzusetzen. Dennoch würden ich Sie gerne danach fragen, von welcher “offenen Rechnung der Gegenwart” Sie sprechen?

      Zum Thema des Vertuschens der Thematik: Ob es eine regelrechte Vertuschung gab, wage ich als Laie auf dem gebiet der Hexenprozesse nicht zu beurteilen. Als ebensolcher muss ich aber anmerken, dass man nur gezielt nach Informationsmaterial suchen kann, wenn man bereits weiß, dass etwas passiert ist. Durch meine eigenen Erfahrung, als auch durch Gespräche mit Freunden, Bekannten, Verwandten und Studenten hat sich gezeigt, dass eben dieses Wissen allerdings bis vor relativ kurzer Zeit kaum bis gar nicht vorhanden war. Für mich also Indiz dafür, dass die Hexengeschichte Bambergs, zumindest bis vor Kurzem, nicht in angemessenem Maße, für die Öffentlichkeit publik gemacht wurde. Das Engagement von Herrn Kloos hat, nichts zuletzt durch seine Aussage gegenüber Claudius Seidl von der FAS und anderen Journalisten, also erheblich dazu beigetragen, das Thema aktiv ins Gespräch zu bringen. Dies verdient meiner Meinung nach Respekt und Würdigung.

      Seine Initiative des Hexenbrenners mag nicht mehr als zehn Jahre zeichnen, doch ist sie damit schon deutlich älter als die meist sehr jungen Initiativen von Stadt und Universität. Von der Intensität und dem Nachdruck des Engagements der Hexenbrenner-Initiative ganz zu schweigen.

      Mit besten Grüßen,
      Manuel Stark

    • so so, Heckenschützen sind wir? Und Sie? waren sie nicht auch feige?

      Wer mit allen möglichen Angriffen rechnen muss, wird sich kaum öffentlich zur Zielscheibe auf den Marktplatz stellen. Nachdem Sie schon mit Worten nicht gerade zimperlich sind, früher auch real sehr anderweitig drauf waren, darf sie das nicht wundern. Wie man in den Wald hinein schreit.

      Das sollten gerade SIE am Besten wissen. Warum haben SIE sich vor der eigenen Verantwortung ihrer Verbrechen regelrecht versteckt? Sind sind ja sogar vor der rechtmäßigen Strafe geflohen. Und jetzt spielen sie sich als Rächer der armen Seelen auf? An sich eine löbliche Aktivität, nur ohne eigene Bekenntnis fehlt der Glaube an heere Motive.

      Auch greifen sie immer wieder die falsche Seite an. Warum gehen sie nicht genauso schonungslos mit der Kirche um? Das und nur das sind die Verbrecher von damals. Warum sollen jetzt die “Bürger” dafür bezahlen? Waren nicht sie die einzigen Opfer? Die Schein-Beamten von Kirchen-Gnaden eingesetzt, gehören nicht zur Stadt und den Bürgen.

      Aber mit Gerechtigkeit im wahren Leben ist es so eine Sache.
      Würden auch Sie selbst zu ihrer eignen Vergangenheit stehen, würde man sie auch endlich ernst nehmen können.